MUSIK AM 13. – Presse-Resonanz
Presse-Resonanz

Stuttgarter Zeitung, 18.06.2010

Am Rand des Abgrunds

Komponistenporträt In Cannstatt hat Heinz Holliger sein Werk erläutert.

Schnell wurde in diesem Konzert klar, dass der Mann ein Grenzgänger von Gnaden ist: Heinz Holliger, Schweizer Komponist, Oboist und Dirigent, geht in seiner Musik aufs Ganze. Auch die letzte Grenze, der Tod, schreckt den mittlerweile 71-Jährigen nicht. Ein Glücksfall, dass Holliger beim 300. Konzert der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt selbst zu Gast war, persönlich und mit Humor über seine Musik sprach und seine ständige Suche nach der Vereinigung von Gegensätzlichem anschaulich werden ließ.

In der Pfingstkomposition "Introitus für Tonband" von 1986 etwa erprobte er in Windgeräuschen und vereinzelten Fetzen gregorianischer Choräle die Verbindung von Musik, Sprache und spiritueller Erfahrung. Auch den Interpreten seiner Musik verlangt Holliger Grenzwertiges ab, so in "Rechant für Klarinette" aus dem Jahr 2008, einem durch die oberen und unteren Extremlagen des Instruments schweifenden Klagegesang auf einen tödlich verunglückten Freund.

Nicht jedes Experiment gelingt indes: Die technisch vertrackte viersätzige Partita für Klavier von 1999, von Bernhard Haas für Orgel bearbeitet und in Cannstatt erstmals vollständig aufgeführt, gewinnt zwar an Klangfarben, verliert in dieser Version aber an Struktur und damit Plastizität. Der Höhepunkt des Abends kam aber ohnehin am Schluss mit "Puneigä", einem 2002 abgeschlossenen Liedzyklus auf Texte der piemontesischen Dichterin Anna Maria Bacher. In deren "Pumatter Titsch", einer zuvor nur mündlich überlieferten Sprache mit herbem alemannischem Charme, fand Holliger die "unverbrauchte Sprache" seiner Wahl. Klar und spröde, oft geräuschhaft und so unsentimental wie die Texte um Vergänglichkeit und Tod gestaltet Holliger die Partien für Stimme und Instrumentalensemble. Herausragend gelangen der Sopranistin Sylvia Nopper expressive Stimm- und Sprachgestaltung, den Spielern suggestive Klanglandschaften.

Ines Stricker

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Eßlinger Zeitung, 16.06.2010

Zurück zur Natur

Heinz Holliger im Porträtkonzert in der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt

"Ich probiere, nie schwieriger zu schreiben, als es nötig ist." So einfach, wie er es sagt, macht es der Schweizer Komponist Heinz Holliger weder den Musikern noch seinen Zuhörern. Das konnte man jetzt im spannenden Porträtkonzert in der nur mäßig besetzten Stadtkirche in Bad Cannstatt erleben. Denn dem vielseitigen Musiker Holliger, einem der führenden Oboisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und angesehenen Komponisten war dieses Porträtkonzert gewidmet, für das sich der musikalische Hausherr Jörg-Hannes Hahn wieder prominente Unterstützung geholt hat: Ewald Liska, langjähriger SWR-Redakteur für den Bereich geistliche Musik, sprach mit dem Komponisten über seine Werke und über die Frage, ob er "nicht auch mal einfache Stücke schreiben wolle". In der Tat sind Kompositio­nen wie die 1999 entstandene "Partita" komplex und voller musiktheoretischer Feinheiten, die sich dem unkundigen Hörer nicht sofort erschließen.

Die vier Sätze stellt Holliger in konkrete musikhistorische Traditionen, lässt sich etwa für die "Fuga" von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" inspirieren, sucht im "Petit Csárdás obstiné" die Nähe zu Franz Liszt und entfernt sich zugleich radikal von diesen großen Vorbildern, findet eine völlig eigene, oft sehr herbe Klangsprache, zersetzt die Musik in kleinteilige Motive, die er zu harmonisch wie formal extrem anspruchsvollen Gebilden schachtelt, die Bernhard Haas in seiner Übertragung für die Orgel in vielfältig schillernde Klänge übersetzt. Überhaupt ist das Suchen nach klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten ein wesentliches Prinzip Holligers, was er selbst auf eine schöne Formel bringt: "Ich will weg von den gewohnten Gleisen. Und so entdecke ich das Instrument, wie ein Kind das machen würde. Ich nehme es auseinander und setze es neu zusammen."

Stimmen über Stimmen

Exemplarisch kann man diese Haltung in "Rechant" für Solo-Klarinette hören. Zwei fünftönige Motive nimmt Holliger als Ausgangspunkt für weite Sprünge, dynamische Schwellereffekte und extrem leise Töne in höchster Lage. Vorwiegend gibt sich diese Musik zurückhaltend, erlebt nur gelegentlich dramatische Ausbrüche. Mit bestechender Technik und klanglicher Vielseitigkeit gestaltet Dirk Altmann dieses anspruchsvolle Werk, dem ein typisches Holliger-Klangexperiment vorausging. In "Introitus" kombiniert der 71-Jährige einen simplen Spannungsverlauf aus dem Nichts - hin zu einem Höhepunkt und wieder im Nichts verklingend - mit den Möglichkeiten der elektronischen Kunst. "Introitus" ist die Übertragung des biblischen Pfingstgeschehens in Klänge. Immer mehr Stimmen mischen sich in das Geschehen ein, alle rezitieren denselben gregorianischen Choral, der sich zu einem geräuschhaften Klangband verdichtet.

Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Stimme und mit Sprache ist ebenfalls ein Kernmotiv von Holligers Schaffen. Auf der Suche nach einer "unverbrauchten Sprache als Inspiration" ist der Schweizer bei einer Mundart des Piemont fündig geworden, hört darin "schamanische Klänge". Zehn Lieder und eine Handvoll orchestraler Zwischenspiele hat Holliger unter dem Titel "Puneigä" zu einem Lebensreigen addiert, erzählt von den Jahreszeiten und dem allgegenwärtigen Tod, lässt Berggeister aufschimmern und will "den Menschen zur Natur zurückbringen". Mal klingt diese Musik für einen höhensicheren und beweglichen Sopran (Sylvia Nopper) und sechs Instrumentalisten sanft flüsternd, dann stürmisch aufbrausend, gelegentlich auch ekstatisch. Mit raschelnden, murmelnden und beinahe brüllenden Klängen imitiert Holliger Naturlaute, die Jörg-Hannes Hahn klar strukturiert dirigiert.

Markus Dippold

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Stuttgarter Nachrichten, 06.04.2010

Im Bann des Evangeliums

Der Bachchor Stuttgart überzeugt mit Bachs Johannespassion

Der Evangelist Johannes bringt das Leiden und Sterben Jesu sehr direkt und ohne Umschweife auf den Punkt. Von dieser auf das Wesentliche gerafften Erzählform hat sich Bach bei der musikalischen Konzeption seiner Johannespassion leiten lassen. Die zugespitzte Plastizität geht einher mit einem auffallenden Zurückdrängen des betrachtenden und reflektierenden Aspekts.

Unter diesen Vorzeichen hatte die Aufführung des Werks unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn am Karfreitag in der bis auf den letzten Platz besetzten Lutherkirche in Stuttgart-Bad Cannstatt großenteils hohe Qualitäten. Mit fest zupackender stimmlicher Kraft, doch selbst noch im forcierenden Elan wohllautendem Timbre vermochte Andreas Post (Tenor, Evangelist und Arien) die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. In gleicher Weise konnte auch Uwe Schenker-Primus (Bass) überzeugen, der den Worten des Pilatus und anderer wörtlicher Rede wie auch den beiden Bassarien und dem Arioso „Betrachte, meine Seel“ mit runder und sonorer Stimme Persönlichkeit und Farbe gab. Die Worte Jesu hingegen wurden von Tobias Scharfenberger (Bass) auffallend distanziert gezeichnet, in seiner Sichtweise erlebte man Jesus als einen sich dem Prozess kampflos ergebenden, fast unbeteiligt wirkenden Menschen.

Der Bachchor Stuttgart trug zu der rasanten Abfolge von Rede und Gegenrede der handelnden Personen seinen Teil bei. Insbesondere dem Chorsatz „Lasset uns den nicht zerteilen“ konnte man da durch Hahns atypische Wortbetonung hohen Reiz abgewinnen. Das auffallend klein besetzte Bachorchester Stuttgart bewies – etwa in der Instrumentaleinleitung zum Eingangschor – sein Vermögen zu einer sensibel abgestuften Balance und glänzte mit feinen Bläserfarben. Die beiden Vokalsolistinnen (Barbara Baier, Sopran; Sonja Koppelhuber, Alt) hätte man sich stimmlich leichter und geradliniger gewünscht.

Thomas Bopp

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Eßlinger Zeitung, 17.02.2010

Sakraler Atem

"Petite Messe Solenelle" in der Stadtkirche Bad Cannstatt

Die 1829 in Paris mit größtem Erfolg auf die Bühne gebrachte Oper "Guillaume Tell" sollte den Endpunkt seiner steilen Opernkarriere bilden. Und Gioacchino Rossini hielt sich die kommenden drei Jahrzehnte daran. Außer dem "Stabat Mater" waren keine größeren Werke mehr entstanden. Kleinere Gelegenheitswerke, vornehmlich für Klavier, nannte er "seine Alterssünden". Seine letzte Komposition von 1864, die "Petite Messe Solenelle", stellt mit 90 Minuten Dauer allerdings nicht nur ihren Titel in Frage, sie ist auch alles andere als ein unbedeutendes Gelegenheitswerk.

Anlässlich seiner Aufführung der "Petite Messe Solenelle" in der Cannstatter Stadtkirche hatte es Jörg-Hannes Hahn jetzt überzeugend verstanden, die Diskrepanz zwischen dem mitunter recht buffonesken Tonfall der Vokalsoli dieser Messe und den Chorabschnitten, die zum Teil von der intensiven Beschäftigung Rossinis mit der Kirchenmusik der alten Meister und dem Kontrapunkt Zeugnis ablegen, aufzuheben. Da passte selbst noch ein a-cappella-Satz wie das "Christe eleison", das ganz den Geist der Renaissancemusik atmet und das von Hahns gut vorbereitetem Vokalensemble Cantus Stuttgart vorbildlich transparent gesungen wurde, ohne größere Not zu Rossinis opernhafter Attitüde des Tenorsolos im "Domine Deus". Dabei bestand Alexander Yudenkov, der kurzfristig den erkrankten Tenor Robert Morvai ersetzt hatte, die Gratwanderung zum sakralen Inhalt dank seiner mit weitem Spektrum differenzierenden Ausdrucksgebung mit Bravour. Auch die anderen Vokalsolisten trugen dazu bei, dass Jörg-Hannes Hahns sehr spannungsreich interpretierte Lesart der Partitur den Geist einer Musik preisgab, die ungeachtet ihrer stilistischen Bandbreite durch und durch sakral intendiert ist: die dem "Crucifixus" einfühlsam und ausdrucksreich Gestalt gebende Sopranistin Johanna Zimmer oder die für Renée Morloc eingesprungene und ihren Part mit angenehmem Alt-Timbre präzisierende Kora Pavelic oder der stimmgewaltige, doch seinen Bass flexibel und rund haltende Attila Jun.

Dazu gehörte auch der Part von Felix Romankiewicz (Klavier), der die kompositionstechnisch tragende Rolle des Klaviers und so auch das vor dem Sanctus eingeschobene "Prélude réligieux", das Rossinis Beschäftigung mit Bachscher Musik spiegelt, lebendig und sensibel auszuformulieren verstand.

Dass die in diesem Zusammenhang so eigentümliche Farbe des Harmoniums (Hanna Kim) in der Balance etwas unterbelichtet blieb, war nur ein Schönheitsfehler einer ansonsten hochlöblichen Aufführung, die ihre Meriten nicht zuletzt auch dem Chor verdankte: Beweglich in der fein abgestuften Dynamik, klanglich luftig und in der Lage, strahlkräftig erstarken zu können, dazu wortdeutlich und deklamatorisch prägnant bewies Hahns Kammerchor Cantus Stuttgart seine Fähigkeit zu großer innerer Spannkraft.

Sebastian Quint

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Eßlinger Zeitung, 11.01.2010

Die Reportage – Die Erschaffung der Neuen Musik Neue Musik ist eng verbunden mit den Feldern Technik, Elektronik und Informatik. Für Komponisten stellen sie heute schier unumgängliche Produktionsmittel dar. Überhaupt entpuppt sich das Komponieren als recht nüchterne Kunst. Seite 16

Inspiration und Alltag

Von zahlreichen posthum gefeierten Komponisten ist bekannt, dass sie in katastrophalen finanziellen Verhältnissen lebten. Mit Unterhaltungsmelodien lässt sich heute gutes Geld verdienen. Dagegen ist die sogenannte ernste Musik ein hehres, aber noch immer eher brotloses Geschäft. Mit dem bloßen Ertrag ihrer Werke kämen auch die Komponisten Georg Wötzer, David Kosviner und Ori Talmon nicht über die Runden.

Richard Wagner in seiner üppig ausgestatteten Villa Wahnfried, umhegt von der treu sorgenden Gattin; Wolfgang Amadeus Mozart in ärmlicher Behausung, auf dem Totenbett ausgerechnet dem größten Konkurrenten sein letztes Werk diktierend – solche Bilder streiten sich im Kopf, wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, was ein Komponist tut, wie und wo er es tut. Ein Konzertprojekt in Stuttgart-Bad Cannstatt nehmen wir zum Anlass, der Spannung zwischen Inspiration und Alltag im Leben eines Komponisten nachzuspüren. Zum Beispiel: Georg Wötzer (63), gebürtig in Stuttgart, wohnhaft in Esslingen; David Kosviner (52) aus Südafrika, seit langem Wahl-Stuttgarter; Ori Talmon (35), Israeli, in der Mitte eines zweijährigen Stuttgart-Aufenthalts.

Neue Musik – nicht die populäre, sondern die, die man in Deutschland ungenau, aber unumgänglich die "ernste" nennt – ist zumeist keine einfache Angelegenheit. Wer neue Musik komponiert, braucht Überblick. Georg Wötzer kann von seinem Heim in Oberesslingen ins Neckartal schauen, und Ori Talmons Stuttgarter Wohnung bietet ein Panorama von der Karlshöhe bis zum Charlottenplatz. Von den Podien, auf denen die moderne Musik gespielt wird, blickt man zumeist auf eine überschaubare Zahl von Hörern hinab. In der Wochenzeitung "Die Zeit" zog im Oktober ein Artikel, der die Schwierigkeiten beim Hören der vermeintlich unharmonischen Musik mit Erkenntnissen der Gehirnforschung zu begründen versuchte, ein hitziges Pround- Kontra-Gefecht im Internet nach sich. Georg Wötzer sagt: "Ich will schon, dass möglichst viele Hörer meine Musik verstehen." David Kosviner meint: "Jeder hat seine eigene Vision".

In Georg Wötzers Studio im Oberesslinger Dachgeschoss treffen sich mehrere Generationen der Computertechnik. Während man bei dem alten Analog-Synthesizer noch mit Klinkensteckern und Kabeln "patchen" musste, unterscheidet sich Wötzers PC nicht vom gängigen Computer. Auch die komplexesten Klänge werden mit handelsüblichen Tastaturen und Mausklicks und mit Software erzeugt, die kaum noch spezielle Geräte benötigt. Für einen jüngeren Komponisten wie Ori Talmon, in dessen Arbeitszimmer die Software-Handbücher gleichberechtigt neben den Musiklexika stehen, ist das Komponieren am Computer nichts Außergewöhnliches. Georg Wötzer hingegen hat als Student die ersten Synthesizer kennen gelernt und musste erst einmal begreifen, dass "diese Geräte auch Musik machen konnten". Nach dem Studium erarbeitete er sich Schritt für Schritt den Umgang mit der Elektronik und kaufte sich seinen Synthesizer in einzelnen Modulen zusammen. "Ich wurde dann schnell recht virtuos", erzählt Wötzer, der im Rahmen seines Lehrauftrags für Musiktheorie an der Stuttgarter Musikhochschule mit dem Informatik- Studiengang der Universität zusammenarbeitet und in seinen eigenen Kompositionen die vielfältigen Möglichkeiten der Elektronik einbezieht. Elektronik macht den Komponisten mächtig, mit ihrer Hilfe kann er alles kontrollieren.Oder nicht? "Nein", erklärt Georg Wötzer, "sie bringt nur neue Elemente ein". Und Ori Talmon ergänzt: "Der Computer ist wie ein zusätzliches Instrument, er öffnet neue Räume". Talmon hat in Tel Aviv ein Informatikstudium abgeschlossen, bevor er sich der Komposition widmete. Wer daraus ein Zielbewusstsein erkennen will, irrt. Im Elternhaus wurde zwar viel klassische Musik gehört, und der kleine Ori vereinnahmte unversehens das für seine ältere Schwester angeschaffte Klavier. Während der Schulzeit sei aber das Interesse an Technik und Wissenschaft in den Vordergrund getreten, und erst nach Beginn des Informatikstudiums meldete sich die Musik zurück: "Ich ging in eine Richtung und wurde in die andere gezogen", erzählt Talmon. Er schloss in Informatik ab, arbeitete eine Weile im High-Tech-Business, verdiente gut und wechselte dennoch die Richtung. "Eines Morgens habe ich gewusst, was zu tun war": Er bewarb sich an der Musikhochschule in Tel Aviv, absolvierte ein Kompositionsstudium und richtete den Blick dann nach Europa. Warum ausgerechnet Stuttgart? Für den Südafrikaner David Kosviner war es die Persönlichkeit von Helmut Lachenmann, die ihn ins Württembergische zog. Auch er hatte seinerzeit bereits das eigentliche Studium hinter sich – in Kapstadt – und baute in Deutschland darauf auf. Das ist inzwischen fast ein Vierteljahrhundert her. Sesshaft geworden sei er in Stuttgart, sagt Kosviner, aber dennoch fühle er sich eigentlich immer "wie auf der Durchreise". Für einen Komponisten sei der Ort nicht sehr bedeutsam, an dem er arbeite. Ori Talmon braucht vor allem Ruhe am eigentlichen Arbeitsplatz, weiß aber auch die Möglichkeiten zu schätzen, die Stuttgart bietet. An fünf deutschen Musikhochschulen habe er sich um ein Aufbaustudium beworben, alle fünf hätten ihm zugesagt, Stuttgart mit dem Kompositionsprofessor Marco Stroppa sei seine erste Wahl gewesen, erklärt Talmon. Aber ist die Landeshauptstadt ein guter Platz für die Neue Musik? Ja, ist sich Ori Talmon sicher. Immer noch, sagt Georg Wötzer, obwohl er ein wenig nostalgisch auf die 80er- Jahre zurückblickt, die auch für Esslingen in dieser Hinsicht "goldene Zeiten" gewesen seien – mit zahlreichen Veranstaltungen und Fördermöglichkeiten. David Kosviner verweist darauf, dass Komponisten immer auch Individualisten seien, trotz projektorientierter Zusammenarbeit letzten Endes in einer gewissen Einsamkeit aus ihrer Kreativität schöpften. Daraus entstehe immer wieder gegenseitiges Interesse, nicht Konkurrenzbewusstsein oder Neid. In dieser Hinsicht sprechen allerdings persönlich gefärbte Auseinandersetzungen im Umkreis von Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen oder den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik eine andere Sprache – Internetforen und Weblogs breiten reichlich Häme und Spott aus. Die zumeist öffentlichen Geldtöpfe, aus denen sich die Neue Musik nicht unerheblich speist, werden eben nicht üppiger – die dann doch nicht verwirklichte Absicht der Stadt Stuttgart, das Festival "Eclat" nicht mehr zu unterstützen, hätte enorme Auswirkungen auf die Arbeit zahlreicher Komponisten gehabt, und dies ist nur ein Beispiel unter vielen.

Kann man vom Komponieren leben? Selbst die führenden zeitgenössischen Komponisten, von denen einer in Baden (Wolfgang Rihm) und einer in Württemberg (Helmut Lachenmann) ansässig ist, haben Professorenstellen inne. Georg Wötzer sagt, er habe "Glück gehabt" mit seinem Lehrauftrag – "sonst müsste ich eben einen Chor leiten oder Klavierstunden geben". David Kosviner erwähnt in seiner Kurzbiografie ganz offen, dass er sich zeitweise als Weinverkäufer durchgeschlagen hat und Ori Talmon schließt nicht völlig aus, dass er auf seine Vergangenheit als Informatiker irgendwann zurückkommen muss. Als Komponist kann niemand auf eine Anstellung hoffen, man ist abhängig von Stipendien und Aufträgen, von Mäzenen und Rundfunkanstalten. Anlass zur Nostalgie besteht allerdings auch hier nicht: Johann Sebastian Bach komponierte sein überreiches Werk "nebenbei" – er war als Hofmusiker und später als Thomaskantor in Leipzig gut ausgelastet. Georg Friedrich Händel schlingerte in London ständig am Bankrott vorbei und konnte froh sein, dass die ihm gewogene Königin eine Rente aussetzte. UndRichard Wagner? Der lebte recht fröhlich auf Kosten seines königlichen Fans und trug zu dessen Untergang nicht unerheblich bei. Wie vertragen sich Existenzsorgen und der ganz normale Alltag, den es schließlich auch noch gibt, mit der Inspiration, von der ein Komponist doch abhängt? David Kosviner zitiert den amerikanischen Künstler Chuck Close ("Inspiration ist etwas für Amateure") und den Komponisten Peter Tschaikowsky, der sich jeden Morgen um neun mit "Mesdames les Muses" am Klavier verabredet habe. Kurzum: Ein gutes Stück Musik entstehe nicht aus Geistesblitzen, sondern aus einer Reihe von Entscheidungen. Ori Talmon sagt, Inspiration könne "von überall her" kommen, von Gemälden, Lektüre oder persönlichen Erfahrungen: "Innere und äußere Welt müssen sich treffen". Manchmal höre er unwillkürlich Musik, meistens spüre er "eine Art Energie". Georg Wötzer wird nicht selten durch weltgeschichtliche Ereignisse zur Komposition angeregt und immer wieder durch seine Beschäftigung mit der jüdischen Kultur, die ihn mit Kosviner und Talmon auch persönlich verbindet. Alle drei arbeiten nie an mehreren Kompositionen gleichzeitig, können (und müssen) zwischendurch abschalten. Georg Wötzer hat die Arbeit am aktuellen Werk mit den Erfordernissen seines Lehrauftrags abzustimmen, was sich zu einem "insgesamt recht chaotischen Berufsalltag" summiert: "Komponieren kann ich eher morgens, und von Montagmittag bis Mittwochabend überhaupt nicht". Auch Ori Talmon schätzt die Morgenstunden für die kreative Arbeit. Bei ihm funktioniere das Komponieren am besten zwischen dem Halbschlaf und dem Moment, "in dem ich ganz wach bin". Er komponiert demnach im Bett? Nein, präzisiert Talmon, manchmal werde man eben erst längere Zeit nach Dusche und Frühstück "ganz wach".

Schließlich: Kann man Komponieren lernen? Und kann man es lehren? David Kosviner hat schon mit acht, neun Jahren "gekritzelt", mit 13 "ernsthaft komponiert". Bei ihm war es eine Schallplatte mit Igor Strawinskys "Sacre du printemps", die ihn erkennen ließ: "Das will ich auch". Die revolutionäre Ballettmusik von 1913, einer der größten Theaterskandale aller Zeiten, hat viele angehende Komponisten fasziniert. Kosviner vergleicht Strawinskys Musik mit "den Schichten eines Siebdrucks", und auch seine eigene Musik habe solche "Schichten" als Grundstruktur. So lernt man vom großen Vorbild, aber es gibt eben auch Unterricht abzusitzen und Diplome anzustreben. Der erste Lehrer brachte den Jugendlichen in Johannesburg mit Musik der führenden zeitgenössischen Komponisten Europas wie Karl-Heinz Stockhausen und Krzysztof Penderecki in Berührung, und Kosviner hatte, wie er heute sagt, ein "Wow-Erlebnis" nach dem anderen. Inzwischen kann er, wie Georg Wötzer auch, aus eigener Unterrichtspraxis berichten und sagt: Nein, eigentlich könne man das Komponieren nicht lehren. "Man kann technische Dinge vermitteln, fördern, lenken und analysieren, aber man kann keine Ideen generieren", fasst er zusammen. Ori Talmon sieht im Unterrichten eine persönliche Perspektive und stellt sich vor, dass der Umgang mit den Studierenden auch den Lehrenden kreativ bereichert. Genau diese Erfahrung hat Georg Wötzer vielfach gemacht: "Ich habe beim Unterrichten selbst viel gelernt. Es ist schön, mit klugen Menschen umzugehen." Mit Notebook, Boxen, Mischpult und Mikrofonen wird sich Georg Wötzer zum Konzert in Cannstatt aufmachen, Ori Talmon wird der Uraufführung seines neuen Werks für das Smadar Quartett entgegenfiebern und dessen vier Musikerinnen werden sich mit den ungewöhnlichen Erfordernissen der zeitgenössischen Musik auseinandersetzen. Denn auch die Mitwirkenden eines Konzerts spielen schon bei der Komposition eine Rolle, meint Ori Talmon – jeder Komponist "spreche" ja eine eigene Sprache, die Ausführenden müssten also ständig neue Sprachen lernen. Gerne sagt man, die Sprache der Musik kenne keine Grenzen. Vielleicht muss man das anders formulieren: Die Musik überwindet immer wieder Grenzen. Aber ganz einfach ist das nicht.

Das Konzert in der Reihe MUSIK AM 13. findet am kommenden Mittwoch um 20 Uhr in der Stadtkirche Stuttgart- Bad Cannstatt statt. Das Konzert wird von Cannstatter Schülern moderiert, die sich vorbereitend mit der Musik beschäftigt haben. Auf dem Programm des etwa einstündigen Konzerts stehen "Esslinger Kaddish I" von Georg Wötzer, "Zorniger Frieden" von David Kosviner und "Modul" von Ori Talmon. Der Eintritt ist frei.

Jürgen Hartmann

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Eßlinger Zeitung, 22.12.2009

Die Kinder gehen in ihren Rollen auf

Konzert "Die Engel" in der vollbesetzten Stadtkirche mit Bachchor und -orchester sowie behinderten und nicht-behinderten Kindern

Bis auf den letzten Platz besetzt war die Cannstatter Stadtkirche bei der Aufführung des Kinderkonzerts "Die Engel" am vergangenen Samstag. Musikalisch begleitet von Bachchor und Bachorchester Stuttgart führten Schüler der Helene-Schoettle-Schule und Kinder der Olgakrippe ein Krippenspiel nach dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf.

In der Mitte des Kirchenschiffs versammeln sich die Hirten um ihr Lagerfeuer, durch die Gänge pilgern die Heiligen Drei Könige in ihren farbenfrohen Gewändern, um dem Jesuskind in der Krippe ihre Aufwartung zu machen, und an der Decke tanzen die Lichtkegel der Taschenlampen, die den kleinen Engeln den weiten Weg nach Bethlehem weisen. Auf der Bühne singt der Bachchor indes ein imposantes "Vom Himmel hoch, da komm ich her".

Mit Spiel und Gesang, farbenfroh und stimmungsvoll – so präsentierte sich die Aufführung "Die Engel" in der Cannstatter Stadtkirche und sorgte bei allen Anwesenden für eine vorweihnachtliche Stimmung.

Die szenischen Auftritte der Kinder machten die Weihnachtsgeschichte und die Musik Johann Sebastian Bachs besonders erlebbar. Um dessen Stücke, gerade auch für die kleinen Zuhörer, verständlicher zu machen, wurde deren Inhalt vorher erklärt und beispielsweise der Schlusschoral "Ich steh an deiner Krippen hier" besonders leise gesungen. "Um das schlafende Jesuskind nicht zu wecken", wie die Zuhörer erfuhren.

"Ich bin froh, dass alles so gut geklappt hat", freute sich Ulrike Hahn nach der Aufführung. Die Lehrerin der Steinhaldenfelder Förderschule und Leiterin der dortigen Chorgruppe war sichtlich erleichtert, dass die Anspannung der vergangenen Stunden und Tage vorbei war. Schließlich ist ein solch großes Projekt mit zahlreichen Beteiligten keine leichte Aufgabe. Zusammen mit ihren Kollegen traf sie schon in den Herbstferien die ersten Vorbereitungen für das Stück und seit Anfang Dezember standen dann auch die Proben mit den kleinen Schauspielern auf dem Programm. Die Idee zur Kooperation für eine gemeinsame Aufführung in der Vorweihnachtszeit mit dem Bachchor und dem Bachorchester, unter der Leitung ihres Ehemanns Jörg-Hannes Hahn, entstand vor drei Jahren. Mit den Kindern der Cannstatter Olgakrippe, unter der Leitung von Cornelia Elies, haben sie in diesem Jahr neuen Zuwachs erhalten. Das Zusammenwirken von professionellen Musikern und Sängern mit Nachwuchsschauspielern, kleinen und großen, behinderten und nicht behinderten, war ein voller Erfolg. Die Kinder gingen voll in ihren Rollen auf, von Anspannung und Lampenfieber keine Spur.

"Eine wunderbare Einstimmung auf das Weihnachtsfest", fand auch Jörg-Hannes Hahn und die restlos gefüllte Stadtkirche entlohnte für den großen Aufwand im Vorfeld.

jps

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Stuttgarter Nachrichten, 21.12.2009

Oratorium mit straffen Zügeln

Bachchor Stuttgart in der Stadtkirche Bad Cannstatt

Zehn Jahre schon bereichert der von Jörg-Hannes Hahn ins Leben gerufene Bachchor Stuttgart die hiesige Musikszene. Alljährlich präsentiert das Ensemble in der Cannstatter Stadtkirche Bachs beliebtes Weihnachtsoratorium im Gesamten oder in Teilen, doch der Bachchor beschäftigt sich über die Jahre sonst mit ganz anderer Literatur. Hahn legte dem Bachchor Stuttgart und dem aufmerksam artikulierenden Bachorchester Stuttgart anlässlich der am Samstag abend vor 300 Besuchern aufgeführten Kantaten 1 bis 3 straffe Zügel an: Mit schwungvollem Temperament stürzte man sich in den Eingangschor. Und mit geschärfter Deklamation, hoch prägnanter, teils fast schon skandierender Impulsivität wurden auch die anderen temporeichen Chorsätze angegangen. Mit den Vokalsolisten hatte Hahn eine gute Wahl getroffen. Markus Schäfer faszinierte als lebhafter Erzähler, Susanne Krumbiegel überzeugte mit warmem Timbre und ausdrucksvoller Formulierung ihrer Melodiebögen, Tobias Scharfenberger wusste mit schlanker Stimme alles Polternde aus seiner Gestaltungsweise herauszuhalten, allein Anna Maria Frimann entfernte sich mit ihrer hellen Tongebung etwas aus der Balance.

thb

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Eßlinger Zeitung, 16.12.2009

INTERVIEW JÖRG-HANNES HAHN

"Für den Bachchor sehe ich noch Entwicklungspotenzial"

Der Chor wird zehn Jahre alt – Nächste Auftritte am 19. und 20. Dezember in der Cannstatter Stadtkirche

Der Bachchor Stuttgart, der in kirchlicher Trägerschaft ist und unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn steht, wird zehn Jahre alt. Über die Entwicklung des Chores, der am 19. und 20. Dezember jeweils um 19 Uhr in der Cannstatter Stadtkirche auftritt, sprach Iris Frey mit dem Dirigenten. Herr Hahn, wie kam es zur Gründung des Bachchors?

Hahn: Zu Beginn des Jahres 1996 wurden die Chöre der Stadt- und Lutherkirche zur Cannstatter Kantorei vereinigt, die sich in den Folgejahren qualitativ hervorragend entwickelte. Nachdem der Name "Bachchor" in Stuttgart nicht besetzt war und Musikkenner mit einem "Bachchor" landesweit eine hohe musikalische Qualität assozieren, war es für mich naheliegend, dass der Chor sich zum Bachjahr 2000 den Namen "Bachchor Stuttgart" geben sollte, zumal es in den Jahren 1940 bis 1955 unter Erich Ade den Bachchor Stuttgart (zunächst Bachchor Cannstatt) gab.

Mit wievielen Sängern haben Sie angefangen, wieviele sind es jetzt?

Hahn: Im Jahr 1996 bestand die Cannstatter Kantorei aus etwa 40 Mitgliedern, im Jahr 2000 waren es etwas über 50 Damen und Herren. Seit diesem Jahr müssen alle neuen Mitglieder eine Aufnahemprüfung machen. Heute besteht der Bachchor aus 90 Sängerinnen und Sängern. Dies ist für mich die zahlenmäßige Obergrenze, da ein größerer Chor nur in Maßen leicht, hell und transparent musizieren kann.

Was war und ist das Ziel des Chors?

Hahn: Der Bachchor hat seine Wurzeln in der kirchlichen Arbeit und soll diese behalten: das gottesdienstliche Musizieren und das Konzertieren. Für mich ist gute Kirchen-musik wichtig, dies schließt sorgfältig ausgewählte Programme ein wie auch gekonntes Musizieren. Am besten ist dies möglich mit einem Ensemble, das auch menschlich harmoniert.

Wo hatten Sie bislang Auftritte?

Hahn: Die meisten Auftritte finden in den beiden großen Cannstatter Kirchen, der Lutherkirche und der Stadtkirche statt, natürlich waren wir etwa für Benefizkonzerte häufig in Stuttgart oder in der Region unterwegs. Der Bachchor unternahm Konzertreisen etwa nach Prag, Berlin und mit Mozarts berühmter c-moll-Messe nach Rom. Im Sommer 2010 werden wir ein größeres Konzert bei den Tagen "Europäischer Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd" bestreiten und einen Gottesdienst beim Musikfest Stuttgart.

Auf welche besonderen Erfolge blicken Sie?

Hahn: Nicht primär der Dirigent hat Erfolg, sondern die Ensembles. Besonders im Gedächtnis sind mir unsere kürzliche Aufführung des "Elias" in der Lutherkirche, Michael Tippetts spannungsgeladenes Oratorium "A child of Our time" am Karfreitag diesen Jahres oder Pendereckis "Lukas-Passion": Dieses Mammutwerk ist eine große Herausforderung, der sich stets nur sehr wenige Chöre stellen können.

Welche Pläne haben Sie noch mit dem Bachchor?

Hahn: Nachdem wir in der Vergangenheit viel Neue Musik gemacht haben mit Wiener Klassik und Romantik, soll 2010 das Werk Bachs mit der Johannes-Passion respektive der h-moll-Messe in den Focus rücken. Für 2011 ist eine Konzertreise in das Ausland geplant, vielleicht lässt sich auch eine CD realisieren. Was für Chor und Dirigent immer auch im Vordergrund stehen muss, ist die Qualitätssteigerung des Ensembles. Der Bachchor Stuttgart hat seit dem Jahr 2000 eine bemerkenswerte Entwicklung genommen, ich sehe noch Entwicklungspotenzial – und das schöne ist: der Bachchor hat Lust, noch weitere Stufen zu erklimmen. Ich wünsche dem Chor weiter Freude am Musizieren in Kirche und Konzertsaal und Anerkennung seiner wichtigen Arbeit in beiden Kirchengemeinden.

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Eßlinger Zeitung, 11.12.2009

Ein himmlisches Durcheinander

Die Schüler der Helene-Schoettle-Sonderschule führen in der Stadtkirche ein Weihnachtsoratorium nach Bach auf

Getobe und Gekicher – so lebhaft geht es in der Cannstatter Stadtkirche selten zu. Die Proben für das Kinderkrippenstück "Die Engel" nach Johann Sebastian Bach gehen in die Schlussphase. Mehr als 60 Schüler der Förderschule Helene-Schoettle-Schule aus Steinhaldenfeld und der Olgakrippe Bad Cannstatt machen mit.

Mittendrin steht Ulrike Hahn, Sonderschullehrerin an der Helene-Schoettle-Schule und gibt Anweisungen: "Jetzt die Engel", ruft sie und unter der Musik des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach zieht eine Gruppe von Engeln gemessenen Schrittes durch das Kirchenschiff Richtung Altar. Für einen Moment ist das Tohuwabohu unterbrochen, die gut 30 Kinder, die an diesem Morgen in der Kirche proben, werden ruhig. Eine von den größeren Engeln ist Funda. Die 13-jährige türkische Schülerin ist die Anführerin der Engelgruppe, gewissenhaft schaut sie danach, dass die kleinen Engel nicht aus der Reihe tanzen. "Ich bin der Oberengel", sagt sie und lacht. Sie ist Muslimin, das Bayramfest am Ende des Fastenmonats Ramadan hat für sie eine größere Bedeutung als Weihnachten. "Aber Weihnachten ist mir auch sehr wichtig", sagt sie. Dann komme ihre Familie zu einem Festessen zusammen.

In zwei Wochen werden die Jugendlichen der Helene-Schoettle-Schule und der Olgakrippe Bad Cannstatt gemeinsam das Krippenspiel "Die Engel" aufführen. Knapp eine Stunde wird das Stück, das auf der Musik von Bachs Weihnachtsoratorium basiert, dauern. Mehr als 60 Kinder spielen mit, große und kleine, behinderte und nicht behinderte, zudem der Bachchor und das Bachorchester Stuttgart – ein Mammutprojekt. Doch Ulrike Hahn, die in der Helene-Schoettle-Schule den Chor leitet, schreckt das nicht. Bereits im vergangenen Jahr hat sie zusammen mit Kollegen und ihrem Mann Jörg-Hannes Hahn, der in Cannstatt die Kirchenmusik an der Stadtkirche leitet, ein Weihnachtsstück aufgeführt. "Richtig fertig ist das Stück erst am Tag der Aufführung", sagt sie. "Aber die Erfahrung hat uns recht gegeben, dass es machbar ist." Immer wieder höre sie die Frage, ob sie die Kinder mit dem Stück überfordere. "Nein", sagt Ulrike Hahn. "Wir wollen die Kinder an unserem Kulturgut teilhaben lassen, deswegen müssen wir sie fordern."

Shayanthan lässt sich gerne fordern. Mit großem Ernst ist der Zwölfjährige bei der Sache. Er gibt dieses Jahr den heiligen König Balthasar, würdevoll rückt er sich die Krone zurecht, prüft. "Das schönste ist das Schlusslied", findet er. "Ich steh an Deiner Krippen hier" heißt es und wird von allen Spielern und Sängern zum Abschluss gesungen.

Sieben Lehrer an diesem Morgen sind damit beschäftigt, die vielen Engel, die Heiligen Drei Könige und die Hirten zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Platz zu dirigieren. Neu ist in diesem Jahr, dass auch kleinere Kinder aus der Olgakrippe dabei sind. Die Idee zu dieser Zusammenarbeit kam spontan – die Tochter von Ulrike und Jörg-Hannes Hahn besucht die Olgakrippe. Vor der Zusammenarbeit im Weihnachtsstück hat es schon mehrere gegenseitige Besuche gegeben, die Kinder und Jugendlichen kennen sich nun. Cornelia Elies von der Olgakrippe ist angetan: "Ich möchte den Kontakt mit der Helene-Schoettle-Schule fortsetzen."

Annegret Jacobs

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Stuttgarter Zeitung, 16.11.2009

Wenn die Orgel kreischt

In Bad Cannstatt hat es ein Konzert für Milko Kelemen gegeben.

Die Orgel flüstert, zischt und brüllt. In unaufhörlicher Bewegung kreisen schnelle, kleinteilige Motive durch die Register. Wie eine groß angelegte, vielstimmige Erzählung wirkt Milko Kelemens "Fabliau" von 1972. Der gebürtige Kroate, der seit vielen Jahren in Stuttgart lebt, feierte in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag – Grund genug für den Cannstatter Kantor Jörg-Hannes Hahn, das jüngste Konzert der Reihe MUSIK AM 13. diesem Komponisten zu widmen. Der ist kein avantgardistischer Neutöner, sondern eher daran interessiert, mit traditionellen Techniken Neues zu schaffen, das den Hörer nicht verschreckt. Kelemen setzt auf unmittelbare, klangsinnliche Effekte. Und so muss Jörg-Hannes Hahn in "Fabliau" nicht nur tumultartige Sequenzen in atemraubender Geschwindigkeit spielen, er muss auch flüstern, kreischen und stöhnen, was elektronisch verstärktwird und die hochkomplexe Kakophonie ins Groteske überhöht. Exaltierte Momente prägen auch das im Jahr 2003 entstandene "Inferno".

Furchterregende Crescendo-Momente

Stephanie Haas macht mit dunkel-herbem Mezzosopran aus dieser Dante-Vertonung ein klangliches Katastrophengemälde. Deklamierte Passagen wechseln sich mit dramatischen, opernhaften Linien ab. Mal setzt die Sängerin grell-flache Töne an, dann steigert sie sich zu düster-pathetischen Ausbrüchen, während ihr Partner Christoph Haasdemgroßen Gongfurchterregende Crescendo-Momente entlockt. Mit Filzschlägeln, Metallstäben und den Händen bearbeitet er das Instrument, dessen dröhnende Klänge mühelos den Kirchenraum füllen können. Nicht ganz so eindrucksvoll war das letzte Stück des Abends, "Incanto" für Solo-Violine. Kelemen testet dabei die Spielmöglichkeiten der Geige aus. Flageolett- Passagen werden gepaart mit technisch anspruchsvollen Spiccato-Motiven. Finger-Pizzicati und kraftvolle Linien auf der tiefen G-Saite kontrastieren miteinander. Elegische Klänge dominieren, werden aber auch vonsprachartigemFlattern abgelöst. Joachim Schall, Konzertmeister des Staatsorchesters, bewältigt diese Herausforderung mit souveräner Gelassenheit.

Aufgeregte Flüsterpassagen

Den stärksten Eindruck aber hinterließ die Uraufführung von "Daniel" für gemischten Chor à cappella. Hahns Kammerchor cantus stuttgart erweist sich dabei als beeindruckendes Ensemble, das vierteltönige Passagen, weit gefächerte Akkorde, rhythmisch vertrackte Linien und Vocalisen in höchster Sopran-Lage nicht nur mühelos, sondern vor allem ausdrucksstark und klangschön beherrscht. Oft teilt Kelemen den Chor in Ober- und Unterstimmen, setzt archaisch wirkende Bordun-Klänge neben aufgeregte Flüster-Passagen. Chromatisch entfaltete Akkorde stehen neben schlichten Melodien und erzählen in drastischer Deutlichkeit vom alttestamentarischen Daniel in der Löwengrube.

Markus Dippold

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Esslinger Zeitung, 16.11.2009
Neue Musikzeitung/nmz ONLINE, 17.11.2009

Einfach kompliziert

Porträtkonzert zum 85. Geburtstag des Komponisten Milko Kelemen in der Stadtkirche Bad Cannstatt

Der kroatische, heute in Stuttgart lebende Komponist Milko Kelemen antwortete kürzlich in einem Interview auf die Frage, woran man ein gutes Musikstück erkenne: "an der Liebe." Im Porträtkonzert anlässlich seines 85. Geburtstags, das Jörg-Hannes Hahn im Rahmen der Konzertreihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt leitete, dürfte sich Kelemen auf Interpretenseite vieler Brüder und Schwestern im Geiste sicher sein. Vor allem der Geiger Joachim Schall, der sich an diesem Abend Kelemens fantasieartiges Violinsolostück "Incanto" von 2004 vorgenommen hatte, ist ein Musiker, der stets mit sehr viel Liebe an neue Werke herangeht. Dank seiner profunden Beherrschung seines Instruments und seines schönen, warmen Tones glückten ihm die schnellen, sprudelnden Läufe genauso delikat wie die frei sprechenden Tonfälle oder die in ihrer Faktur oft an Bachs mehrstimmige Violinsolowerke erinnernden Passagen. Selbst Geräuschhaftes, das Kelemen mit Vorliebe in seine Stücke integriert, klingt bei Schall so, als verzehre er gerade eine schmackhafte Speise.

Von "komplizierter Einfachheit" spricht Kelemen, wenn er erklären möchte, warum er sich schon früh von der Dodekaphonie und dem Serialismus abgewandt hat, um seinen eigenen Weg zu gehen und dem Intellekt wieder das Gefühl zur Seite zu stellen. Neuartige Gestaltung könne auch ohne komplizierte Kompositionstechniken erreicht werden: mit musikalischen Archetypen, die fest im kollektiven Unbewussten verankert seien, so Kelemen frei nach C.G. Jung.

Vielleicht gab das "Inferno di Dante. Canto III" für Mezzosopran und Gong von 2003 diese Ästhetik am besten wieder: Christoph Haas entlockte dem Gong schillernd-farbige Klänge, die sich langsam ins Infernalische steigerten. Spätestens da setzte das Zwiegespräch zwischen dem Gong und dem aufwühlenden Sprechen und Singen der Vokalistin Stephanie Haas wahrhaft archaische Gefühle frei.

In dem Stück "Daniel" für Doppelchor a cappella, das an diesem Abend uraufgeführt wurde, nahm Kelemen Auszüge aus dem biblischen Buch Daniel und dem 130. Psalm ("De profundis clamavi"), splittete den Text in kleine Teile und ließ ihn eine detaillierte vokale Bearbeitung durchlaufen. Der Chor Cantus Stuttgart unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn konnte jetzt beweisen, dass er sich zu einem Spezialisten für Neue Musik entwickelt hat. Denn das Stück verlangt neben dem traditionellen chorischen und solistischen Einsatz der Stimmen die unterschiedlichsten Artikulationsarten wie Sprechen, Flüstern, Schreien, lautes Atmen, Glissandi und das Singen in Vierteltönen.

Zu Beginn hatte Jörg-Hannes Hahn an der Orgel Kelemens anarchisch humoristisches "Fabliau" von 1972 zum Besten gegeben: Fröhlich, bunt und glitzernd sprudeln hier die Läufe, werden kontrastiert mit deftigen, oft brüllenden Clustern. Und immer wieder dringt die Stimme des Organisten aus den Lautsprechern, der sein eigenes Spiel mit einem Lachen oder Schnaufen bedenkt und es zuweilen sogar niederbrüllt.

Verena Großkreutz

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Stuttgarter Zeitung, 14.09.2009

Zischen und Flüstern

Musikfest II In der Stuttgarter Stiftskirche sind Psalmen von Pauset und Mäntyjärvi uraufgeführt worden.

Deutlicher hätte der Unterschied in der Publikumsreaktion nicht sein können. Verhalten-höflicher Beifall auf der einen Seite, frenetischer Jubel andererseits gab es beim zweiten Psalmen-Konzert des Musikfestes. Die erste Uraufführung des Konzerts stammte von dem Franzosen Brice Pauset. Etwa zwanzig Minuten dauert seine Version des 95. Psalms. Pauset zerlegt den Text in einzelne Silben und Laute, lässt die Worte durch den Chor wandern und konzentriert sich vor allem auf die Konsonanten. Ständig zischelt, haucht und kratzt es: Textverständlichkeit ausgeschlossen.

Mit einem heftigen Tutti-Schlag setzt das Orchester ein, immer wieder erklingen scharf dissonante, laute Akkorde. Dazwischen flirren die Streicher in höchster Flageolett-Lage, Arpeggien und Glissandi schimmern in den Holzbläsern, die Blechbläser setzen markante Akzente, müssen sich aber dem vielfältig eingesetzten Schlagwerk unterordnen.

Das Stuttgarter Kammerorchester und der Kammerchor Cantus Stuttgart beweisen technische Souveränität, begegnen der vertrackten Partitur mit sympathischer Offenheit. Jörg-Hannes Hahn steuert mit klarer Zeichengebung durch die wechselnden Takte und Tempi – man hätte ihm und seinen tapferen Mitstreitern eine dankbarere Aufgabe gewünscht. Denn in Mendelssohns Vertonung des 95. Psalms konnte man sich von den künstlerischen Qualitäten des klangschön und homogen singenden Chors überzeugen.

In der zweiten Konzerthälfte präsentierte der Akademische Kammerchor Uppsala die drei Psalme op. 78 von Mendelssohn eher schlicht und verhalten. Vor allem "Warum toben die Heiden" hätte man sich zupackender gewünscht. Mitunter vermisste man auch klangliche Homogenität und rhythmische Präzision. Befremdlich wirkte Stefan Parkmans verklärte Interpretation der Doxologien am Ende der drei Psalmen.

Deutlich eindrucksvoller war die zweite Uraufführung des Abends, Jaakko Mäntyjärvis Version der gleichen Psalmtexte. Mit einer Unisono-Fanfare beginnt er den 22. Psalm "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?", setzt dagegen die chromatisch gefärbte Klage "Eli, Eli, lama asabthani" und behandelt in der Folge den A-cappella-Chor einfallsreich: Alt- und Bass-Stimmen mit Bordun-Klängen, Rezitationspassagen, die plötzlich in Fortissimo-Takte in höchster Lage ausbrechen, Lautmalereien – die Zeile "Meine Kräfte sind vertrocknet" etwa wird heiser geflüstert.

Mäntyjärvi beherrscht die traditionellen Formen der Vokalpolyfonie, seine Musik ist tonal begründet und weitgehend traditionell, aber darin finden sich harmonisch und rhythmisch reizvolle Passagen, vor allem aber versteht er sich auf die klangliche Ausdeutung des Textes und auf den Umgang mit Stimmen, die er von tief gelagerten Parlando-Passagen bis hin zu weit gespreizten, strahlenden und wirkungsmächtigen Tutti-Akkorden führt.

Markus Dippold

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Stuttgarter Nachrichten, 14.09.2009

Risiken und Nebenwirkungen

Musikfest (I): Das zweite Wochenende gehörte der geistlichen Kirchenmusik

Psalmen standen im Mittelpunkt des zweiten Musikfest-Wochenendes. Vertonungen Felix Mendelssohn Bartholdys stellte man zeitgenössische Werke gegenüber – ein anregendes Experiment.

Musik zu Texten, wortbezogene Klänge und die Avantgarde? Das passt nicht zusammen, behaupteten in den 1960er und 1970er Jahren jene Komponisten und publizistischen Meinungsmacher, die sich als Sachwalter des Neuen verstanden – und akzeptierten um der Freiheit des musikalischen Experimentierens willen auch in gesungenen Stücken nur noch Trümmer von Texten. Bis heute müssen Komponisten von Vokalmusik mit dem heimlichen Vorwurf leben, dass sie als Lohndiener am Text die gute Sache des musikalisch Neuen verraten haben. Dies ist zwar schon deshalb absurd, weil es mittlerweile keine dominierende ästhetische Stoßrichtung des zeitgenössischen Komponierens mehr gibt. Doch das Vorurteil bleibt stark – und trifft ganz besonders Vertonungen von Bibeltexten, also die zeitgenössische vokale Kirchenmusik.

Schon deshalb muss man die Idee Helmuth Rillings und des ehemaligen Bachakademie-Intendanten Andreas Keller begrüßen, die vor zwei Jahren Aufträge an Komponisten aus sehr unterschiedlichen Winkeln der Szene vergaben: Biblische Psalmen, die auch Mendelssohn in Musik setzte, sollten neu vertont und den entsprechenden Werken Mendelssohns gegenübergestellt werden. Die Ergebnisse überzeugten bei Konzerten am Freitag und am Samstag vor allem durch ihre Vielfalt; man vernahm deutlich, wo die Chancen textgebundenen zeitgenössischen Komponierens liegen – und wo ihre Risiken und Nebenwirkungen.

Das geglückteste Werk präsentierten das SWR-Vokalensemble und die Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern unter Marcus Creeds Leitung im Beethovensaal: In seiner Vertonung des Psalms 114 erwies sich Martin Smolka als erfindungsreicher Vokalklangästhet. Zumal an den sprechenden Bildern des Bibeltextes entzündet sich seine Fantasie, und sehr schöne, gelegentlich fast meditative Klangflächen hat der Tscheche erfunden. Die Musik entwickelt einen sehr speziellen Sog – auch weil der Chor das, was ihm in die Kehlen hineinkomponiert wurde, exzellent darbietet, und das einsame solistische Sopran-"Alleluja" am Ende berührt auch, weil sich Affirmation und Befragung, musikalische Idee und Textbezug hier kaum präziser, kaum stimmiger ausbalancieren ließen. Das bewiesen nicht zuletzt die beiden Uraufführungen des Folgetages.

Bieder und altbacken wirkten die "Stuttgarter Psalmen" des Finnen Jaakko Mäntyjärvi. Zwar verhalfen der Akademische Chor Uppsala und sein Dirigent Stefan Parkman mit Lust an der sehr sanglichen Materie den schlichten, überwiegend homofon gehaltenen Vertonungen der drei Psalmen 2, 22, 43 zu schönen Wirkungen, doch fehlten dem ereignisarmen Melodiefluss belebende diskursive Momente. Eine Ausnahme hiervon bildete nur die hübsche Idee, das Toben der Heiden zwölftönig zu musikalisieren – wenngleich auch dieser Kunstgriff für sich selbst spricht. Wie viel stärker hatten da doch Mendelssohns Vertonungen zuvor gewirkt! Schade nur, dass der Chor hier nicht präzise genug intonierte und artikulierte.

Mit derlei Mängeln hatte Jörg-Hannes Hahns Cantus Stuttgart, den das Stuttgarter Kammerorchester begleitete, gar nicht zu kämpfen: Mendelssohns 95. Psalm hielt Hahn in schlichtem Fluss, das Sänger-Ensemble wirkte beweglich und ausgesprochen homogen. "Furcht und Zittern", die Neuvertonung desselben Psalms durch den französischen Komponisten Brice Pauset, schlug sich dann ganz auf die Seite der Musik; der Text wird zum klanglichen und emotionalen Material-Lieferanten. Vokale reiben sich an Konsonanten, Geräusche werden an die Oberfläche geworfen, versinken wieder in einem sehr eigenen Klang-Biotop.

Pausets Stück ist interessant. Darüber, ob es noch Sakralmusik ist, kann man sich allerdings streiten. Wer sich dafür entscheidet, darf hier die Große Koalition von Vokalmusik und avanciertem Komponieren feiern. Aus der Sicht desjenigen, der bei Pauset keinen zusammenhängenden Text und also auch keinen biblisch-religiösen Bezug mehr entdeckte, hat der Komponist der Kirchenmusik mit seinem Stück allerdings einen Bärendienst erwiesen.

Susanne Benda

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Eßlinger Zeitung, 11.09.2009

Visionen vor dem Frühstück

Matthias Maierhofer orgelt beim Sonnenaufgangskonzert in der Cannstatter Stadtkirche

Stuttgart – Im Vergleich zur schlaftrunkenen Stimmung in den Stuttgarter U-Bahnen ging es in der Cannstatter Stadtkirche geradezu quirlig zu. Die Sonne stand zwar erst auf sieben Uhr morgens. Aber zum zweiten Mal beim diesjährigen Musikfest hatte sich eine Menge Frühaufsteher versammelt, um ein neues Konzertformat der Bachakademie zu testen: das sogenannte Sonnenaufgangskonzert, das geistliche Inhalte mit sinnlichen Komponenten verbindet – nicht nur durch den anschließenden Frühstücksimbiss. Während sich die bunten Chorfenster langsam am Sonnenlicht entzündeten, entfachte der junge österreichische Orgelvirtuose Matthias Maierhofer auf seinem Instrument ein wahres Feuerwerk an Klängen, das seinen Höhepunkt fand in "Vision in Flames" des japanischen Komponisten Akira Nishimura: In mehreren Anläufen vereinten sich hart dissonierende Tontrauben und brüllend Geräuschhaftes zu einem Klangorkan, der wütend durchs Mittelschiff fegte, so dass die Flämmchen der beiden Kerzen auf dem Altar vor den flammenden Visionen ängstlich zu erzittern schienen. Dabei hatte doch alles so friedlich begonnen mit Edward Griegs berühmter, ursprünglich für Orchester komponierter Peer-Gynt-Morgenstimmung, anhand derer Maierhofer überzeugend deutlich machen konnte, warum die Orgel die Königin der Instrumente genannt wird: Weil sie die unterschiedlichsten Instrumentalklänge imitieren und deshalb ein ganzes Orchester ersetzen kann – wenn auch der dynamischen Feinarbeit Grenzen gesetzt sind.

Johann Sebastian Bachs Variationenwerk über den Choral "Christ, du bist der helle Tag" wirkte in Maierhofers recht greller Registrierung nicht weniger modern als Jehan Alains harmonisch freiere Va riationen über den gregorianischen Hymnus "Lucis Creator".

Mit einer Kostprobe seines eigenen improvisatorischen Könnens lieferte Maierhofer opulentere Kost: Seine Fantasie über den Choral "Sonne der Gerechtigkeit" geriet zum zuweilen recht wagnernden Rausschmeißer. Sinnvoll ergänzt wurde das wunderbar kontrastierende Programm durch sonnenanbeterische Lyrik von Mörike, Hölderlin, Goethe, Bachmann und anderen, die von Ulrike Möller gekonnt rezitiert wurde.

Verena Großkreutz

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Stuttgarter Zeitung, 25.08.2009

Markante Register

Orgelkonzert

Michael Kapsner hat in Cannstatt Werke von Louis Vierne gespielt.

Die Improvisation gilt als die Königsdisziplin der Organisten. Aus einem schlichten Thema soll ad hoc ein Kunstwerk entstehen, das Fantasie und Formbeherrschung gleichermaßen beweist. Michael Kapsner, Orgelprofessor in Weimar, wählte bei seinem Konzert in der Cannstatter Stadtkirche die Melodie "Du, meine Seele, singe" als Ausgangspunkt. Doch mehr als auf- und absteigende Arpeggien als Beiwerk um die gestückelte Melodie, grundiert mit einigen Orgelpunkten, fielen ihm dazu nicht ein. Eher schlicht wirkte auch sein Umgang mit der gewaltigen fünften Orgelsymphonie von Louis Vierne. Dem Franzosen ging es wie den meisten Orgelkomponisten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert um die Übertragung orchestraler Techniken auf das Tasteninstrument. Im langsamen Einleitungssatz dominieren bei Kapsner einzelne, vom Gesamtklang deutlich abgesetzte Solostimmen, während die Pedaltöne dumpf grummeln.

Markante Zungenregister beherrschen die Eingangssequenz des Allegro-Satzes, was aber sofort wieder in Verhaltenheit zurückgenommen wird. Den stärksten Eindruck hinterließ das geisterhafte Scherzo. Pointiert artikuliert Kapsner diesen dritten Satz, erzeugt räumliche Wirkungen für die flatterhaften Motive, die mit teils starken Dynamikwechseln und Verzögerungen belebt werden. Leider fielen die beiden Schlusssätze wieder in einen verhalteneren Duktus zurück, bei dem oft die Pedal-töne kaum wahrnehmbar waren und der Ausdrucksgehalt eher verinnerlicht war, was ganz im Gegensatz zum kurzen, aber prägnanten Konzertbeginn stand. Mit den strahlenden Klängen und der spielerischen Motorik von Bachs Fantasie über den Choral "Komm, Heilger Geist, Herre Gott" BWV 651 zeigte Kapsner eine deutlich wirkungsvollere Interpretation.

Markus Dippold

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Stuttgarter Zeitung, 25.08.2009

Orgelkonzert

Himmlisch hell

Sommerzeit ist Orgelzeit, nicht nur in der Stiftskirche. Auch in der Cannstatter Stadtkirche hat Jörg-Hannes Hahn einen sechsteiligen Orgelzyklus etabliert, dessen zweite Halbzeit der Hausherr höchstselbst eröffnete. Mit Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 und dem Choralvorspiel BWV 662 demonstrierte Hahn die beiden Seiten des Orgelkomponisten Bach: ersteres Werk hochvirtuos und mit prachtvoller Klangentfaltung, wie ein stilles Gebet das zweite.

Große Musik sind unbestritten beide, während sich bei Louis Viernes die Geister scheiden. Überladen finden die einen dessen orgelsinfonischen Entwürfe, überwältigend die anderen. Effektvoll und motivisch stringent durchgearbeitet ist diese Musik auf jeden Fall, aber nicht jeder ist eben ein Mystiker wie Olivier Messiaen. In dessen "Le Banquet céleste" leuchtet, wie durch Kirchenfenster gefiltert, die Harmonik in immer neuen spektralen Brechungen auf: mit zunächst gedeckten, grauen Klängen, die sich aufhellen und an Farbigkeit gewinnen. Am Ende zeigt sich der Himmel.

fab

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Stuttgarter Nachrichten, 19.08.2009

Mehrwert und Verständlichkeit

Was die Bad Cannstatter Kirchenmusikreihe MUSIK AM 13. für die Saison 2009/10 plant

"Nicht nur verkopfte Stücke" will Bad Cannstatts Kantor Jörg-Hannes Hahn als künstlerischer Leiter der Reihe MUSIK AM 13. auch in der kommenden Saison in Bad Cannstatt bieten. "Der Zugang zu unseren Programmen", betont der Stuttgarter Kirchenmusikdirektor und Organist, "muss auch für den "normalen" Konzertbesucher spontan möglich sein. Und da wir kein freier, sondern ein kirchlicher Veranstalter sind, bieten wir immer auch Inhalte, die über die reine Musik hinausgehen."

Mehrwert und Verständlichkeit sind die Richtlinien, nach denen Hahn sein Programm für die Cannstatter Luther- und Stadtkirche zusammenstellt; der Erfolg – sprich: die Treue seines Stammpublikums – gibt ihm recht. Das dürfte sich auch in der Saison 2009/10 nicht ändern, denn mit einem Schwerpunkt auf Mendelssohns geistlichem Vokalwerk (neben Motetten und dem "Elias" sind auch die noch wenig gesungenen Choralkantaten zu hören) bietet die Reihe Porträtkonzerte über und mit den Komponisten Heinz Holliger (am 13. Juni 2010) und Milko Kelemen (am 13. November zu dessen 85. Geburtstag).

Weitere Konzerte zeugen vom Versuch, mit anderen Institutionen zu kooperieren, um auf diese Weise neue Publikumsschichten zu gewinnen – so etwa ein "Beginner"Konzert mit neuen Werken aus dem Umfeld der Stuttgarter Musikhochschule, das man gemeinsam mit der Vermittlungsinitiative Netzwerk Süd plant. Auch zwei der "Sonnenaufgangskonzerte" beim diesjährigen Musikfest Stuttgart werden von MUSIK AM 13. gestaltet, und in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Projekt "Die Anstifter" plant Hahn ein Gedenkkonzert zur Erinnerung an die Ermordung behinderter Menschen unter den Nationalsozialisten.

Programmklassiker sind Rossinis "Petite Messe Solennelle", Bachs Johannespassion und das Trompete-/Orgelkonzert (in diesem Jahr mit dem Trompeter Jörge Matthias Becker) zu Silvester. Außerdem wird es an Weihnachten wieder ein Kinderkonzert geben (zu Teilen von Bachs "Weihnachtsoratorium" gibt es ein Krippenspiel der Helene-Schoettle-Schule für Geistigbehinderte), und auch 2010 wird "Sommer! 6x Orgel" als Konzertreihe in der Konzertreihe fortgeführt – dann stehen die großen freien Orgelwerke Max Regers im Mittelpunkt.

Es scheint, als fänden auch in der nächsten Spielzeit in Bad Cannstatt wieder künstlerischer Anspruch und Popularität auf harmonische Weise zusammen. "Wer vieles bringt", heißt es im Vorspiel zu Goethes "Faust", "wird manchem etwas bringen – und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Wo passte dieser Spruch so gut wie hier? Hahn selbst formuliert sein Anliegen für sich und seine Programme jedenfalls ganz ähnlich: "Wichtig ist, dass die Leute nach dem Konzert zufrieden sind – schließlich wollen wir, dass sie wiederkommen."

Susanne Benda

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Stuttgarter Zeitung, 05.08.2009

Auch kleine Register tönen

Andreas Rothkopf eröffnet den Orgelsommer in Cannstatt

Am Ende des Konzerts in der Cannstatter Stadtkirche ist deutlich geworden, welche Sehnsucht die französischen Organisten des 19. Jahrhunderts umtrieb. Die sechste Orgelsinfonie h-Moll von Louis Vierne beendete das Auftaktkonzert des Orgelsommers, der wie immer eine programmatische Linie verfolgt: Werke von Bach werden mit den ausladenden Sinfonien Viernes verbunden, ergänzt werden alle Programme um zeitgenössische Kompositionen.

Exemplarisch steht Viernes Sinfonie h-Moll für die Tradition der französischen Orgelmusik im 19. Jahrhundert: üppige und vielfältig differenzierte Klänge, großformatige Anlagen und motivisch-thematische Arbeit prägen die Komposition. Vor allem im virtuosen Finalsatz demonstrierte der Saarbrücker Orgelprofessor Andreas Rothkopf mit brillanter Klangfärbung und flottem Tempo bei äußerst klarer Artikulation die Sogwirkung dieser Musik, deren Finaldramaturgie überwältigend ist.

Das überdeckte auch manche musikalische Schwäche in den anderen Sätzen. Die ruhige Aria wirkte wenig gesanglich, zerfiel durch überdehnte Generalpausen und extreme Dynamikwechsel. Auch dem großen Adagio-Satz fehlten Entwicklung und Zielstrebigkeit. Daran zeigte sich deutlich Rothkopfs Eigenart, Kompositionen im Spiel zu zergliedern, was auch bei Olivier Messiaens sechster der neun Meditationen "Sur le mystére de la Sainte Trinité" auffiel. Fanfarenartige Unisono-Motive wechselten mit Misterioso-Klängen des Schwellregisters. Dabei neigte Rothkopf zur kleinteiligen Registrierung und kleidete selbst Miniatur-motive in immer neue Registerfarben.

Geschlossener waren die beiden Bachwerke am Konzertanfang. Majestätisch im Eindruck war das "Alla Breve" BWV 589, wenngleich etwas verhalten im Tempo. Auf weiche Flötenfarben setzte Rothkopf in der Fantasie über den Choral "Christ lag in Todesbanden", dessen figurativen Charakter der Organist sehr betonte.

Markus Dippold

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Eßlinger Zeitung, 01.08.2009

Singet dem Herrn ein neues Lied

Der künstlerische Leiter Jörg-Hannes Hahn stellt die neue Saison der Cannstatter Kirchenkonzertreihe MUSIK AM 13. vor

Aufrechte Christenmenschen pfeifen auf heidnischen Aberglauben. In Bad Cannstatt singt man bevorzugt am vermeintlichen Unglückstag dem Herrn ein neues Lied – und das mit segensreichem Erfolg. Die Kirchenkonzertreihe MUSIK AM 13. in der künstlerischen Leitung des Organisten, Dirigenten und Stuttgarter Kirchenkreiskantors Jörg-Hannes Hahn zählt zu den profiliertesten Angeboten in der an Sakralklängen reichen Region. Abwechselnd in der Cannstatter Stadt- und der Lutherkirche finden – neben etlichen Sonderkonzerten – Monat für Monat am 13. die musikalischen Gottesdienste statt. Dabei nimmt Hahn das Psalmwort vom neuen Lied ziemlich ernst, räumt er der Neuen Musik doch einen prominenten Platz in den Programmen ein. In der kommenden Saison etwa wird am 13. November der Komponist Milko Kelemen anlässlich seines 85. Geburtstags klangvoll gewürdigt. Am 13. Januar 2010 folgt ein Konzert in Zusammenarbeit mit der Beginner-Reihe, die neue Töne jungen Hörern nahebringen will. Aufgeführt wird Musik von Ori Talmon, David Kosviner und Georg Wötzer. Und am 13. Juni 2010 ist mit zweien seiner Werke der Schweizer Komponist Heinz Holliger zu Gast, einer der Großen der zeitgenössischen Musik.

Dirigiert werden die drei Konzerte mit renommierten Interpreten, etwa Solisten des Stuttgarter Radio-Sinfonieorchesters, von Jörg-Hannes Hahn selbst, der naturgemäß auch Klassiker wie Bachs Weihnachsoratorium (19./20. Dezember) oder dessen Johannespassion (2. April 2010) unter seine Taktstock-Fittiche nimmt. Mit seinem Bachchor sowie seinem Cantus Stuttgart, einem Auswahl-Ensemble, startet Hahn außerdem einen auf zwei Jahre ausgelegten Mendelssohn-Zyklus mit sämtlichen Sakralwerken des Komponisten. Auftakt ist am 22. November mit dem "Elias".

Zurückhaltend im Umgang, aber entschieden in der Sache findet Hahn einen interessanten Weg zwischen mutiger Moderne und Mainstream, zu dem auch das unvermeidliche Konzert für Trompete und Orgel (31. Dezember) zählt. Mit Moderationen und Rezitationen beuge er sich der Nachfrage nach Musikvermittlung, sagt Hahn mit freundlich ironischem Lächeln, ebenso locker nimmt er einen Konzerttermin morgens um sieben, den ihm die erstmalige Kooperation mit der Bachakademie eingebracht hat: Zwei solcher "Sonnenaufgangskonzerte" mit Orgelmusik finden am 10. und 17. September im Rahmen des Musikfests statt. Vorher gibt es ab morgen bis 6. September jeden Sonntag, 20 Uhr, den Orgelsommer in der Cannstatter Stadtkirche mit den Orgelsymphonien von Vièrne.

Martin Mezger

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Stuttgarter Zeitung, 29.07.2009

Kirchenmusik

Jörg-Hannes Hahn stellt seine Pläne für die Saison vor

"Der Weg von Stuttgart nach Bad Cannstatt ist doppelt so weit als in umgekehrter Richtung." Ein gern zitierter Allgemeinplatz, und für Jörg-Hannes Hahn war er viele Jahre wahr, wenn er das Publikum betrachtete, das zu den Konzerten in die Cannstatter Stadtkirche und in die Lutherkirche kam. Seit einigen Jahren sind die Wege kürzer geworden, wie der Kirchenmusikdirektor erfreut feststellt: viele Stuttgarter finden inzwischen den Weg in die Konzerte der Reihe MUSIK AM 13., deren Pläne Hahn gestern vorstellte. Neben den Aktivitäten des Kollegen Kay Johannsen an der Stiftskirche bietet MUSIK AM 13. das andere ambitionierte Kirchenmusikprogramm im Großraum Stuttgart an und bereichert die hiesige Szene.

Dass der Kirchenmusiker seine Aktivitäten wie die "weltlichen" Veranstalter in Saison-Zeiträumen disponiert, spricht für Jörg-Hannes Hahns Anspruch, in der Stadt präsent zu sein. So werden Kooperationen mit Institutionen vor Ort gesucht und vereinbart – mit der Bachakademie beispielsweise, zu der es viele Jahre keinen produktiven Kontakt gab. Mit dem neuen Bachakademie-Intendanten Christian Lorenz ist der nun gefunden. So werden während des Stuttgarter Musikfests zwei Sonnenaufgangskonzerte (für Frühaufsteher, Beginn ist um 7 Uhr) in der Cannstatter Stadtkirche stattfinden. Am 17. September etwa muss Hahn selbst ran und unter anderem Max Reger spielen; da schnauft Hahn kurz auf und zwinkert mit den Augen. Auch ein Beginner-Konzert, gemeinsam veranstaltet mit Musik der Jahrhunderte, soll es in der Saison 2009/10 geben.

Wichtig ist die richtige Balance zwischen Klassikern der Literatur – nächstes Jahr etwa Bachs Johannespassion – und Ausgefallenem. Dazu gehören Uraufführungen von Heinz Holliger und von Milko Kelemen, dem ein Porträtkonzert zum 85. Geburtstag gewidmet ist. Auf zwei Jahre hat Hahn die Aufführung sämtlicher geistlicher Vokalwerke von Felix Mendelssohn angelegt, den Auftakt macht der "Elias" in diesem November.

Götz Thieme

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Cannstatter Zeitung, 22.07.2009

Stehende Ovationen für "Carmina Burana"

Bad Cannstatt: Sommerkonzert von MUSIK AM 13. in der Lutherkirche war ein voller Erfolg

Schon bei der Probe zeigte sich am Samstagabend, was für ein Stimmenzauber und welch kraftvolle Musik sich in der Lutherkirche beim Sommerkonzert von MUSIK AM 13. entfaltet. In der fast ausverkauften Lutherkirche konnten die Besucher hören, warum Carl Orffs monumentale "Carmina Burana" zu den meistgespielten Chorwerken des 20. Jahrhunderts gehört: Der Sprecher Rainer Wolf fasste die teils freizügigen Texte aus dem lateinischen und dem Mittelhochdeutschen zu einer unterhaltsamen Kurzversion zusammen, die die Zuhörer zum Schmunzeln brachte, denn man war ja in der Kirche. Die Lieder aus der Benediktbeurer Handschrift handeln vom großen Rad der Glücks- und Schicksalsgöttin, die Aufstieg, Lebenshöhepunkt und Fall des Menschen mit einer faszinierenden rhythmischen Musik zeigen, ebenso Frühlings-, Tanz- und Liebeslieder in deutscher, französischer und lateinischer Sprache des Mittelalters. Dem Vortrag der Solisten Petra Labitzke, Joaquin Asiain und Uwe Schenker-Primus, dem Klavierduo Barbara Rieder und Sebastian Bartmann, dem Bachchor Stuttgart, dem Jugendchor Korntal-Münchingen und dem Christophorus Symphonie Orchester Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn folgte das Publikum mit angehaltenem Atem und belohnte sie zuletzt mit stehenden Ovationen. Die "Carmina Burana" ist eine weitere Bereicherung des bereits bestehenden Repertoires, das sich der Bachchor unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn erarbeitet hat. Dabei zeigte der Chor, mit welcher Flexibilität er sich den verschiedenartigsten Werken, auch des 20. Jahrhunderts, zu widmen weiß. Saubere Intonationen und klare Aussprache sind längst bekannte Attribute des Chores. Ihm bei dem rhythmisch und sprachlich anspruchsvollen Werk zuzuhören, bereitete große Freude. Alle Solisten sangen ihre Rollen mit sichtlichem Vergnügen. Petra Labitzkes Sopran schwang sich mühelos in die von Carl Orff vorgegebene Höhen, Alexander Yudenkov besang das Schicksal des armen gebratenen Schwans, und in Uwe Schwenker Primus glaubte man direkt den Abt zu hören, dessen Leidenschaft der Besucher der Taverne war. Solisten, Kinderchor, Bachchor und Christophorus Symphonie Orchester bildeten unter dem Dirigat von Hahn eine merklich mit Freuden musizierende Einheit, präzise und mit vollem Einsatz.

BACHCHOR STUTTGART & Christophorus Symphonie Orchester StuttgartIn der Lutherkirche begeisterte der Bachchor mit dem Christophorus Symphonie Orchester Stuttgart, dem Jugendchor Korntal-Münchingen mit der Aufführung von Orffs "Carmina Burana" unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn.
Foto: Frey

(if)

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Stuttgarter Nachrichten 15.5.2009

Enttäuschend

Ein exzellenter Ruf eilt den Aurelius-Sängerknaben aus Calw voraus. Leider konnte der Chor den hohen Erwartungen nicht gerecht werden, als er am Mittwochabend bei der Konzertreihe MUSIK AM 13. in der gut gefüllten Cannstatter Stadtkirche gastierte. Positiv fiel die Textverständlichkeit der gesungenen Psalmen, Antifonen und Motetten aus dem 16. bis 20. Jahrhundert auf. Doch standen Führungsstimmen und bloße Mitsinger in keinem guten Verhältnis, die Intonation wirkte oft unsicher, etliche Anfangsakkorde klangen erst im Nachbessern sauber, der Sopran hatte Mühe in der Höhe, und eine gute Balance zwischen Knaben- und (schütter besetzten) Männerstimmen stellte sich nicht ein. Zudem verhinderte die Neigung des Dirigenten Bernhard Kugler zu sehr kurzen Phrasen oft eine ausdrucksvolle Gestaltung – wo Gerades glückte, wirkte es (etwa bei Byrds "Beata virgo" oder bei Mendelssohns "Hebe deine Augen auf", das mit einem zweistimmigen Knabenchor sonst so anrührend rein klingen kann) oft ein wenig gesichtslos. Schade.

Susanne Benda

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Stuttgarter Nachrichten 14.4.2009

Kontrast mit Tippett

In England gilt er als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Michael Tippett, dessen "A Child Of Our Time" jetzt in der Reihe MUSIK AM 13. in der voll besetzten Bad Cannstatter Lutherkirche zu hören war. Dass Jörg-Hannes Hahn mit diesem Werk einen Kontrapunkt setzte zum österlichen Bach, spricht für ihn. Zumal Tippett in seinem um das Jahr 1940 komponierten Oratorium politisch Stellung bezog zu den barbarischen Vorgängen, die Europa verfinsterten: Er thematisiert die nationalsozialistischen antisemitischen Novemberpogrome des Jahres 1938, protestiert gegen politische Verfolgung und plädiert für gewaltfreien Widerstand.

Aber obwohl das Stuttgarter Kammerorchester und der Bachchor ihren Part engagiert und plastisch gestalteten, wollte einen die in spätromantischem Geist komponierte Musik nicht so richtig packen. Hahn ging sein Dirigat zu kontemplativ an: Es floss zunächst, dann plätscherte es. Eine straffere, zielgerichtetere Formung hätte vielleicht die kunstvoll bearbeiteten Spirituals, in die Rezitative und Arien immer wieder münden, zum Swingen gebracht. Letzterem standen auch die stimmgewaltig agierenden Solisten Petra Labitzke, Elisabeth Graf, Rãbert Morvai und Uwe Schenker-Primus ein wenig im Wege.

Verena Großkreutz

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Esslinger Zeitung 14.4.2009

Erst fließen, dann plätschern

Michael Tippetts Oratorium "A Child of our Time" in der Cannstatter Lutherkirche

Stuttgart – In England gilt er als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, in Deutschland hört man selten seine Werke: Michael Tippett, dessen Oratorium "A Child of our Time" in einem Sonderkonzert der Reihe MUSIK AM 13. in der voll besetzten Bad Cannstatter Lutherkirche zu hören war. Es spricht für Jörg-Hannes Hahn, dass er mit diesem Werk einen Kontrapunkt setzte zum landauf, landab gespielten österlichen Johann Sebastian Bach, der freilich mit seiner Kantate "Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott" BWV 127 auch in diesem Nachmittagskonzert vertreten war.

In seinem um das Jahr 1940 komponierten Opus bezog Tippett auch politisch Stellung zu den barbarischen Vorgängen, die damals Eu ropa verfinsterten: Er thematisierte die nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938, welche die systematische Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger einleiteten. Er hob den Stoff auf eine zeitlose Ebene, protestierte gegen politische Verfolgung und plädierte für gewaltfreien Widerstand.

Im Detail ist sein Text von erschreckender Aktualität. Auch wenn es heute befremden mag, solch krasse Inhalte in spätromantischem Tonfall zu hören. Und dass Tippett, der sich formal an Händels Oratorien und Bachs Passionen orientierte, erzählende Rezitative und betrachtende Arien immer wieder statt in Choräle in berühmte Spirituals wie "Go down, Moses" münden lässt, mag an der musikalischen Moderne geschulte Ohren irritieren. Aber dass Tippetts Musik einen in der Lutherkirche nicht so richtig packen wollte, obwohl das Stuttgarter Kammerorchester und der Bachchor ihren Part engagiert und plastisch gestalteten, lag eher an Hahns kontemplativ ausgerichtetem Dirigat.

Er ließ die Ensembles singen und klingen: Es floss zunächst, dann plätscherte es. Eine straffere, zielgerichtetere Formung hätte möglicherweise die Dramatik stärker hervorgeholt, die in der Partitur schlummert – und die kunstvoll bearbeiteten Spirituals zum Swingen gebracht. Letzterem standen auch die stimmgewaltig agierenden Solisten Petra Labitzke (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Róbert Morvai (Tenor) und Uwe Schenker-Primus (Bass) ein wenig im Wege. In opernhaftem Tonfall kann man einem "Deep river" nicht beikommen.

Verena Großkreutz

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Ludwigsburger Kreiszeitung 14.4.2009

Zwischen Todessehnsucht und Zukunftshoffnung

Michael Tippetts "A Child of Our Time" in Bad Cannstatt

Stuttgart – Einer der Höhepunkte der Cannstatter Reihe MUSIK AM 13. ist in jedem Jahr das Sonderkonzert zum Karfreitag. Der Stuttgarter Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn hat diesmal ein selten aufgeführtes Werk des Briten Michael Tippett ausgewählt.

Sein Oratorium "A Child of Our Time", 1939 bis 1941 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden, handelt von der Krise unserer Zeit und der Hoffnung der Humanität. Chaos und Katastrophen erschüttern die Welt, nur im Innersten des Menschen lebt der Funke zur Veränderung. "Mitleid bricht das Herz auf", singt die Altistin angesichts des "Chores der Unterdrückten", der immer wieder mit neu vertonten Spirituals in das musikalische Geschehen eingreift.

Während Elisabeth Graf in der Aufführung in der Cannstatter Lutherkirche stimmstark den Glauben an die göttliche Vernunft im Menschen verkörperte, äußerten sich in Petra Labitzkes warmem, ausdrucksvollem Sopran Verzweiflung und Mitgefühl. hn Mittelteil übernahm sie die Rolle der Mutter, die ihren Sohn nicht vor dem Terror des Holocaust beschützen kann und selbst darin umkommt. "Brennt ihre Häuser nieder! Zerschmettert ihre Schädel!" lässt Tippett den Chor hasserfüllt skandieren. Mit den Chorälen, Turba-Chören, einem Erzähler und wechselnden Arien verwendet Tippett Elemente der Oratorien-Tradition seit Händel und Bach.

Orchestral erreicht "A Child of Our Time" manchmal die Eindringlichkeit von Benjamin Brittens "War Requiem". Das Stuttgarter Kammerorchester brachte dies, verstärkt durch einen großen Bläserapparat, hervorragend zur Geltung, und der 90-köpfige Stuttgarter Bachchor konnte sich dabei klangvoll behaupten.

Uwe Schenker-Primus gestaltete die Erzähler-Partie mit mächtigem, abgrundtiefem Bass; der Tenor Robert Morvai sang die Rolle des Kindes mit berührendem Timbre. Jörg-Hannes Hahn gelang eine dramatisch spannungsvolle Aufführung, die im von Chor und Solisten gemeinsam gesungenen Spiritual "Deep river, my home is over Jordan" zwischen Todessehnsucht und Zukunftshoffnung ihr geistiges Zentrum erreichte.

Dietholf Zerweck

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Stuttgarter Nachrichten, 20.3.2009

Leise Laute

Nur vier der sieben Lautenwerke Bachs sind Originalkompositionen, die restlichen Stücke sind eigenhändige Bearbeitungen von Musik für andere Instrumente – so auch die vormals für Violoncello solo geschriebene Suite g-Moll BWV 995, mit welcher der Lautenist Andreas Martin vor etwa 200 Zuhörern seinen ausschließlich Bach gewidmeten Abend bei MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Canstatt eröffnete. Bei der c-Moll-Suite BWV 997 und dem c-Moll-Präludium BWV 999 aus dem weiteren Konzertverlauf handelt es sich hingegen um originäre Lautenkompositionen.

Mit seiner behutsamen Herangehensweise auf der Erzlaute (Archiliuto) geht es Andreas Martin nicht darum, jedes Detail einer Stimmlinie hörbar werden zu lassen. Er sieht den Verlauf dieser Stücke in größeren Zusammenhängen. Mit sensibel gewölbten, feinnervig dynamisierten Klangbögen liegt ihm mehr daran, den Gestus und den harmonischen Atem dieser Musik zu betonen.

Dabei lässt Martin die stimmliche Gleichzeitigkeit von Führung und Beiwerk rund und ausgewogen erscheinen. So gelingt es dem Künstler, dass der Hörer den intellektuellen Zugang zu dieser Musik einfach einmal ausblendete und gedankenverloren eintauchte in eine feintönende Klangästhetik.

Thomas Bopp

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Esslinger Zeitung / Ludwigsburger Kreiszeitung, 17.2.2009

Zart gepresste Klänge

"Nicht nur Töne produzieren, sondern auch Töne verhindern": Helmut Lachenmann im Komponistenporträt bei MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche

Komponieren, so beruft sich Helmut Lachenmann auf Schönberg, Webern oder Luigi Nono, müsse provozieren. Vom Hörer verlangt dies vorbehaltlose Offenheit und die Bereitschaft, sich auf die Suche zu begeben nach dem Unerhörten der Klänge. Wie Lachenmann diese Suche angeht, davon war beim Komponistenporträt der Reihe MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche des öfteren die Rede. Ewald Liska und Jörg-Hannes Hahn unterhielten sich mit dem 73-jährigen Stuttgarter Komponisten, der auch international zu den renommiertesten Vertretern Neuer Musik zählt, über die Prinzipien jener Radikalität, mit der Lachenmann die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten ständig hinterfragt und verändert.

"Verweigerung" ist dabei ein Schlüsselwort im kompositorischen Prozess: "Die Musiker sollen nicht nur Töne produzieren, sondern auch Töne verhindern", erläutert Lachenmann die Struktur seines 2. Streichquartetts, das er 1989 unter dem Titel "Reigen seliger Geister" veröffentlicht hat. Die Anspielung auf Glucks "Orpheus und Eurydike" scheint ironisch, doch findet Lachenmann im ätherischen seiner Komposition Berührungspunkte.

Töne "aus der Luft gegriffen"

Ein "Wahrnehmungsspiel" nennt er dieses Werk, bei dem Töne "aus der Luft gegriffen" und "Luft aus den Tönen gegriffen" werden. Das Lotus String Quartet (Sachiko Kobayashi und Mathias Neundorf, Violinen; Tomoko Yamasaki, Bratsche; Chihiro Saito, Violoncello) demon strierte mit bewundernswerter Präzision und einer Vielfalt streichtechnischer Raffinessen, wie spannend die 30-minütige Entdeckung unvertrauter Geräusch- und Klangfelder in neuem Kontext, zwischen hauchend verwehten Tönen und tanzenden Pizzikati, sein kann. Lachenmann verglich die "zart gepressten Klänge" mit der Wanderung durch eine Landschaft, in welcher der Atem, der Schritt, das Knacken eines Zweiges zur Lauterfahrung werden.

"Ein Kinderspiel": Die sieben kleinen Stücke für Klavier hat Lachenmann 1980 komponiert, damals war seine Tochter Akiko sieben Jahre alt. Bei ihr erlebte er die Neugier, eine Klaviatur vom höchsten Diskantton bis zum tiefsten Bass zu erproben, und das wird, mit einem zufälligen Zitat von "Hänschen klein", zum Spielmuster des ersten Stücks. Bei der "Filter-Schaukel" wird aus einem ständig wiederholten Cluster durch Aufhebung einzelner Töne ein Des-Dur-Dreiklang herausgefiltert, beim "Schattentanz" wird wie in "Wolken im eisigen Mondlicht" der Resonanzkörper des Flügels auf rhythmische Effekte reduziert. Helmut Lachenmann selbst gab dem technisch keineswegs kinderleichten Zyklus eine authentische Darstellung.

Bei den beiden Vokalkomposi tionen zum Schluss, von Dieter Kurz, seinem Circus Musicus der Hochschule und dem Percussion Ensemble Stuttgart expressiv dargeboten, war die geistige Nähe zu Nono offenkundig. "Consolation I" von 1967 verarbeitet einen Text von Ernst Toller zum existentiellen Schrei: "Das bist Du / Der heute / An der Mauer steht / Mensch, das bist Du / Erkenn Dich doch / Das bist Du.” Aus dem Wessobrunner Gebet um 790 zitiert Lachenmann in "Consolation II" 1968 die Leere, das Nichts vor dem ersten Schöpfungstag. Er beschwört es im tonlosen Konsonantengestrüpp, welches den Hörer geradezu zu einem klanglichen Gegenbild provoziert. Als Komponist Neuer Musik sei er ja "Leerer", meint Lachenmann zum Schluss in Anspielung auf Willi Baumeister, der diesen Begriff am Nullpunkt der Kunst nach 1945 für sich verwendet habe: In seinem Werk entleere er tradierte Strukturen, um auf andere Dinge achten zu können.

Dietholf Zerweck

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Stuttgarter Nachrichten, 16.2.2009

Im Schatten der Geräusche

Lachenmann-Porträt in der Stadtkirche Bad Cannstatt.

"Ohrwascheln neu ausrichten!" Diese Forderung stellt der Komponist Helmut Lachenmann immer wieder aufs Neue an die Hörer seiner Musik. Das ihm gewidmete Porträtkonzert in der Reihe MUSIK AM 13. in der gut gefüllten Bad Cannstatter Stadtkirche bot ihm am Freitag reichlich Gelegenheit, mit Jörg-Hannes Hahn und Ewald Liska über seine Klangästhetik zu plaudern. Der Meister war zunächst mit "Ein Kinderspiel" selbst am Flügel zu hören und spielte die sieben klanglich statischen Miniaturen mit besonderer Kühle und Strenge.

Was einen echten Lachenmann ausmacht, offenbarte dann vor allem sein zweites Streichquartett "Reigen seliger Geister": Töne werden als Schatten von Geräuschen hörbar und Geräusche als Schatten von Tönen. Das Lotus String Quartet arbeitete sich hochkonzentriert an der Technik des sphärischen Flautatospiels ab, die nicht nur dazu dient, Töne zu erzeugen, sondern auch zu verhindern. Als krönenden Abschluss gab das formidable Vokalensemble Circus Musicus der Stuttgarter Musikhochschule unter Leitung von Dieter Kurz Lachenmanns "Consolation" I und II zum Besten – in Erstem unterstützt von vier Perkussionisten: Musik, die Sprache in ihre konsonantischen und vokalen Bestandteile zerlegt, was eine hochexplosive Mischung aus Hauch-, Zisch-, Brumm- und Plopplauten ergibt.

Verena Großkreutz

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Stuttgarter Zeitung, 16.2.2009

Knarrende Bänke

Lachenmann in Bad Cannstatt

Ton für Ton steigt Helmut Lachenmann im Rhythmus von "Hänschen klein" zu Beginn seines Zyklus "Ein Kinderspiel" die chromatische Tonleiter der Klaviatur hinab: Es ist immer ein besonderes Vergnügen, einen Komponisten selbst sein Werk intonieren zu hören. Harte Anschläge und ein flottes Tempo, im dritten, der Tochter gewidmeten Satz "Akiko" fast jazzartig, kennzeichneten Lachenmanns Spiel bei der MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche.

"Das ist keine Musik": Mit dieser äußerung überraschte der Komponist seine Gesprächspartner, Ewald Liska und den Veranstalter Jörg-Hannes Hahn. Helmut Lachenmann wollte möglichen Einwänden den Wind aus den Segeln nehmen, wie sie von Besuchern seiner Konzerte allerdings kaum zu erwarten sind. Aber es ist etwas daran: Lachenmann komponiert nicht gewöhnliche Töne, sondern sozusagen die Nebengeräusche, den hölzernen Anschlag, auch den Nachhall der Saiten.

Dies zeigte sich auch bei seinem zweiten Streichquartett, bravourös dargeboten vom Lotus String Quartet. Auf die aus dem tonlos gehauchten Bogenstrich emporwachsenden Streich- und Zupfgeräusche antwortete sacht das Knarren der Kirchenbänke, das Neunuhrgeläut, ein kaum hörbares Rauschen der Heizungsanlage. Lachenmanns Chorwerke Consolation I und II klingen im Kirchenraum erstaunlich klar: Besser noch unbegleitet als mit Marimbaphonen und Pauken. Konsonanten und Stille, unterbrochen von schrillen Schreien, Schnalzen und Pfiffen, lebhaft vorgetragen vom Circus Musicus unter der Leitung von Dieter Kurz, konnten sich ungehindert entfalten. Der angedeuteten Frage nach seinem Verhältnis zur geistlichen Musik wich der Komponist allerdings aus. "Gott" als letztes Wort des in "Consolation II" vertonten, um 790 entstandenen Wessobrunner Gebets ist für den Pfarrerssohn ein tonloser Laut mit einem Loch in der Mitte.

hbü

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Stuttgarter Nachrichten, 22.12.2008

Profil zugespitzt

Bachs Weihnachtsoratorium sorgt stets für ein volles Haus – so auch am Samstag anlässlich Jörg-Hannes Hahns Aufführung der ersten Hälfte des Zyklus, der in der Cannstatter Stadtkirche tags darauf die zweite mit den Kantaten IV bis VI folgen sollte. Dem Bachchor forderte Hahn in den Jubelchören Elan und Konturenprägnanz ab, spitzte so das Profil zu, um es zum Schluss mit übermäßig breitem Ritardando abzubremsen. Solcher Getriebenheit stellte er im auffallend verhalten gesungenen und alle Euphorie meidenden Hirtenchor "Lasset uns nun gehen gen Betlehem" eine so kaum aus Text und Musik zu begründende Entschlusslosigkeit entgegen. Die Choräle variierte Hahn in einem Spektrum von Besinnlichkeit, freudhafter Zuversicht und zuweilen auch etwas überinterpretierender Affektdeutung. Das prominent besetzte Bachorchester Stuttgart und die Bachs vokale Stilistik adäquat umsetzenden Rita Balta (Sopran), Marion Eckstein (Alt) und Achim Kleinlein (Tenor) gewannen den artikulatorischen und phraseologischen Gegebenheiten spannungsreiche Aspekte ab.

Thomas Bopp

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Stuttgarter Zeitung, 25.11.2008

Erlösung nach Schrecken

Jörg-Hannes Hahn dirigiert Brahms´ Requiem in Cannstatt

Am Ende stellt sich die Zuversicht ein, die zentrales Element des christlichen Glaubens ist. Der Tod wird überwunden, den Gläubigen erwartet der ewige Friede des himmlischen Paradieses. Doch bis zu diesen versöhnlichen Klängen in Johannes Brahms´ "Ein Deutsches Requiem" war es an diesem Sonntag in der Cannstatter Lutherkirche ein weiter Weg. Denn Jörg-Hannes Hahn stellte Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" an den Beginn des Konzerts mit dem Bachchor und Bachorchester Stuttgart. In schneller Deklamation beschreibt der Sprecher (Uwe Schenker-Primus) in englischer Sprache die Gräuel des Holocaust.

Die Trompeten schmettern dazu martialische Klänge, die ins Grelle umschlagen, wenn der Sprecher ins Deutsche verfällt und im Kasernenhofton Befehle brüllt. Nahtlos schließt Hahn in dieser spannungsreichen und konzentrierten Aufführung das Brahms-Requiem an, dessen Eingangsverse "Selig sind, die da Leid tragen" inhaltlichklanglich die Erlösung nach dem von Schönberg so drastisch geschilderten Schrecken bringt.

Die Leistung des Bachchores ist dabei erstaunlich. Ohne klangliche Einbußen bewältigt der Chor die anspruchsvolle Partie, zeigt in den homofonen Passagen majestätische Geschlossenheit und findet Transparenz in den komplexen Fugen. Warm, tröstend sind die Ecksätze, machen die verbale Botschaft der Erlösung sinnlich erfahrbar. Wuchtig lässt Hahn den Totentanz bei "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" musizieren, überhöht den Sarabanden-Rhythmus ins Gravitätische. Das führt nahtlos zu den archaischen Linien des Solobaritons. Uwe Schenker-Primus singt das mit großem Tonfall und pathetischem Gestus. Schade, dass die Sopranistin Doerthe Maria Sandmann das "Ihr habt nun Traurigkeit" als Summe intonatorisch fragwürdiger Einzeltöne mit geschobenem Klang präsentiert. Den stärksten Eindruck hinterließ aber die im Chor strahlend musizierte Doxologie "Herr, du bist würdig".

dip

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Stuttgarter Nachrichten, 25.11.2008

Klagetöne und Jubelfreuden – Konzerte in Stuttgart

Musikalisches Gedenken

In seinen Konzerten tritt Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn stets auch als ein kluger Dramaturg in Erscheinung. So stellte er am Totensonntag in der Bad Cannstatter Lutherkirche im gut besuchten Sonderkonzert der Reihe MUSIK AM 13. dem Brahms’schen Deutschen Requiem Schönbergs "A Survivor from Warsaw" voran, dem ein Bericht eines Überlebenden des deutschen Massakers im Warschauer Ghetto zugrunde liegt. So verbanden Hahn und seine Ensembles den Gedenktag an die Verstorbenen mit der Erinnerung an die Opfer der deutschen Gewaltherrschaft.

Nach Schönbergs auch heute noch klanglich hochmodern anmutenden Melodrama setzte der in Wohlklang badende Beginn des Brahms-Requiems einen schockierend krassen Kontrast. Natürlich vernahm man jetzt das Deutsche Requiem mit anderen Ohren, hörte man einen doppelten Boden mit, der Brahms noch fremd war. Der Bachchor und das Bachorchester Stuttgart wurden der kontemplativen Ausrichtung des Werks im Großen und Ganzen gerecht. Leider blieb der Text beim Chor oft unverständlich. Das lag zum Teil auch am etwas unausgewogenen Miteinander der Ensembles.

So spielte das Orchester mit brillanter Grundfarbe, aber mit sinfonischem Ungestüm den Chor zuweilen an die Wand. Im Chor dagegen standen die intonatorisch eingeschärften Soprane und recht matte Tenorstimmen einem homogenen Zusammenklang im Wege. Auch bei den Solisten blieben Wünsche offen. So wirkte Sopran Doerthe Maria Sandmann in der Emphase mitunter recht angestrengt, vor allem bei den Spitzentönen. Und der geschmeidig phrasierende Bariton Uwe Schenker-Primus setzte zuweilen auf ein zu opernhaftes Pathos.

Verena Großkreutz

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Esslinger Zeitung, 15.11.2008

Krasser Schnitt

Eine Uraufführung und Chorwerke von Mendelssohn, Brahms und Reger in der Cannstatter Reihe MUSIK AM 13.

Stuttgart – Eine Art Konzeptkonzert konnte man jetzt in der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Stuttgart-Bad Cannstatt miterleben. Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn stellte die Uraufführung von Willibald Bezlers "Klagelied" für Orgel solo aus dem Jahre 2007 in den Kontext thematisch verwandter Chorwerke von Mendelssohn Bartholdy, Brahms und Reger und reflektierte im Programm zudem den Trauermonat November und seine Gedenktage an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Unter Hahns Leitung hielten sich die 23 Sänger und Sängerinnen des Kammerchors Cantus Stuttgart in Mendelssohns Motette "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" op. 23/1 zunächst an eine eher spartanische Klanglichkeit, die für diesen Komponisten eigentlich untypisch ist. Schon machte sich das Hauptproblem des Abends bemerkbar: eine kaum zu überhörende Sopranlastigkeit, die durch den einen oder anderen gelegentlich zu tief intonierenden Kehlkopf eingeschrillt wurde. Wohlige Klänge vermisste man ein bisschen aber auch in Mendelssohns geistlichem Männerchor – "Beati mortui in Domino", in dem die Tenöre sich nicht wirklich auf eine gemeinsame Farbe einigen konnten. Besser machte es der weibliche Teil des Ensembles in Brahms´ geistlichen Chören op. 37 – auch wenn weiterhin gewisse Soprane Mühe hatten, die Spitzentöne genau zu treffen. Dafür sang der Alt ausgesprochen klangschön.

Ließ auch die Intonation und der Zusammenklang insgesamt Wünsche offen – in Sachen sensibler Gestaltung zeigte sich Cantus Stuttgart in Eintracht mit seinem Leiter auf hohem Niveau. Vor allem Brahms´ Motette für gemischten Chor "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen" berührte durch eine bis ins kleinste emotionale Detail ausgearbeitete Dramaturgie.

Krass dann der Schnitt: Aus dem Schönklang heraus und nach Brahms´ friedlichem Schlussvers hätte wohl kaum etwas so grell aufrütteln können wie Jizchak Katzenelsons "Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk", in dem der Dichter, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, seine furchtbaren Erlebnisse im Warschauer Ghetto, seine Hilflosigkeit, Wut und Trauer in Worte gegossen hat. Martin Wendte rezitierte die Ausschnitte aus dem erschütternden Poem bewegt und mit Intensität.

Gegenüber der dramaturgisch ausgeklügelten Vorbereitung wirkte dann Willibald Bezlers "Klagelied", das Jörg-Johannes Hahn an der Orgel zur Uraufführung brachte, beinahe beliebig. Wie in einer großen virtuosen Improvisation reihten sich sprechende Gesten, schräge Akkorde, minimalistisch strukturierte Klangflächen und starre Klangblöcke aneinander, um schließlich über apokalyptisches Cluster-Getöse in ein bombastisches Choralfinale zu münden.

Verena Großkreutz

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Stuttgarter Zeitung, 02.09.2008

An den Flüssen von Babylon

Orgelsommer: Samuel Kummer

Die Improvisation ist die Königsdisziplin der Organisten. Sie verlangt musikalische Ideen, harmonisches Bewusstsein, Sinn für formale Zusammenhänge und Entwicklungen. Und das Ganze geschieht im besten Fall aus dem Moment heraus, vielleicht mit Bezügen zu den anderen Werken in einem Konzertprogramm. Samuel Kummer, der Organist der Frauenkirche in Dresden, beherrscht diese Königsdisziplin. Am Sonntag beendete er den Orgelsommer in der Cannstatter Stadtkirche und beeindruckte vor allem mit seiner sinfonisch dimensionierten Improvisation.

Aus tiefen Pedalklängen lässt er die Musik aufsteigen, eine melodische Floskel wird erkennbar, strebt aufwärts, wird in rhythmische Muster überführt, aus denen sofort die nächste Melodie erwächst. Rhythmisch zugespitzte Abschnitte wechseln sich mit lyrischen Momenten ab, mal dominieren beharrliche Figuren, Akkordrepetitionen das Geschehen, dann entschwebt eine von Flötenklängen getragene ruhige Linie. Samuel Kummer wechselt schnell die Affekte, ändert unaufhörlich die Registrierungen, was bisweilen den Hang zur Kleinteiligkeit hat, letztlich aber dem toccatenhaften Stil seiner Improvisation geschuldet ist, die eindeutig den stärksten Eindruck an diesem Abend hinterließ.

Die anfängliche Fantasie des Barockkomponisten Johann Adam Reincken über den Choral "An Wasserflüssen Babylon" war ein so langes wie ereignisloses Werk, das in unendlicher Figuration um die Choralmelodie mäandert, dabei einen fragmentarischen Charakter hat, den Kummer durch zu häufige Klangwechsel und Lücken befördert. Auch die nachfolgende Johann-Sebastian-Bachsche Bearbeitung desselben Chorals verstörte mit ihrer breiigen und formlosen Erscheinung, wobei hier die Melodielinie in der Klangfarbe überdeutlich von der Begleitung abgesetzt war. Zum Ende seines Programms setzte Kummer auf die Größe der spätromantischen Orgelsinfonik, die er bereits in seiner Improvisation antizipiert hatte. Ruhig, beinahe elegisch, mit weicher Grundtönung spielt er das Larghetto aus Louis Vièrnes fünfter Orgelsymphonie a-Moll. Die abschließende Fantasie Max Regers über den Choral "Alle Menschen müssen sterben" wird zur Leistungsschau der Cannstatter Orgel. Das dichte Legatospiel lässt er in vielfarbigen Klängen aufgehen, die Idee einer zusammenhängenden Gestaltung verfolgt er weniger. Eher interessieren ihn die emotionalen Wechsel, die Kontraste dieser Musik, die genau dem Wortlaut des Chorals folgt und auf die finale Apotheose zusteuert. Die Gewissheit des freudig erwarteten Todes kleidet Kummer in weiche, feierliche Farben, die nicht auf äußeren Pomp zielen, sondern auf innere Bewegung.

Markus Dippold

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Stuttgarter Zeitung, 05.08.2008

Die Königin zum Singen bringen

Orgelsommer: Hayko Siemens

Hayko Siemens ist nicht nur ein Orgelspezialist. Dass er auch den renommierten Münchener Motettenchor leitet, prägt sein Spiel, das er – nach dem Hausherrn Jörg-Hannes Hahn – am Sonntag als erster Gast des Orgelsommers in der Stadtkirche Bad Cannstatt in einer ebenso klugen wie originellen Programmfolge zelebrierte. Wie die Besten der Organistengilde gebietet er nicht allein absolutistisch machtvoll über die Königin der Instrumente, sondern vereinigt eine Vielfalt von Stimmen zur Klangrede. Die Orientierung am Gesang tat dem Abend gut.

Dietrich Buxtehude ist Stammvater und Großmeister der norddeutschen Orgeltradition, die bis Reger reicht, sogar bis zu Distler. Auf Buxtehudes Toccata in D, die nach der Bestimmung der Gattung die Möglichkeiten des Instruments durchdekliniert, folgte deshalb nicht umsonst eine 1938 entstandene Sonatine von Hugo Distler; auch der wirkte in Lübeck. Hayko Siemens registrierte das Stück des bis zum Freitod christlichen Nazimitmusizierers zart und zweifelnd, fein und durchsichtig, trotz der volkstümlichen Anbiedereien Distlers an jenen Zeitgeist.

Der junge, begierig lernende Bach pilgerte vierhundert Kilometer zu Buxtehude, schlug über die Arnstädter Urlaubsstränge und nahm gar Arrest in Kauf. Die Kantorstochter allerdings, als Preis für die Nachfolge an Lübecks Marienkirche, wollte er wohl nicht zum Weibe. Das Thema seiner Fuge in g-Moll erinnert an die "Kunst der Fuge". Ohne Brimborium interpretierte sie Siemens als frühes Meisterwerk in dieser Ahnenpflicht: klar, sauber, edel, wesentlich. Er nutzte mit Raumgefühl die Register, das (Ab-)Schwellwerk und besonders das Rückpositiv des 1999 französisierten Walcker-Instruments ohne alle Affektiertheit.

Dass Robert Schumann die Orgel als Pianist traktierte, merkte man doch jeder seiner hübschen Vier Skizzen opus 58 an, was der frühbegabte, international mit Preisen dekorierte Organist sogar betonte. Olivier Messiaen ist Symbol und Gipfel für den Führungswechsel der Orgeltradition von Deutschland nach Frankreich im 20. Jahrhundert. Mit der "Prière après la communion" aus dem Sakramentsbuch von 1948 hatte Siemens ein ebenso typisches wie zugängliches Stück ausgesucht. Die Vogelstimmenpassion, die grandiose Architektur, Satztechnik und Klangmagie auf Messiaens katholischem Fundament hätten sich kaum sinnfälliger darstellen lassen. Und in Max Regers Choralfantasie "Wachet auf!" zeigte der Münchener Organist, dass ihm Klarheit, luftige Transparenz und singende, nachschwingende Musik weit wichtiger sind als alle althergebracht wuchtige Orgelpracht mit dem vollen Werk.

Von Martin Bernklau

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Stuttgarter Nachrichten, 05.08.2008

Noch ein Sommer

Hayko Siemens in der Stadtkirche Bad Cannstatt

Die Ausarbeitung der dritten Choralstrophe von "Wachet auf, ruft uns die Stimme" beginnt bei Max Reger mit einer Fuge, die vollendet gebaut, prägnant formuliert und dennoch von musikantischem Schwung getragen ist. Dazu tritt schließlich der Cantus firmus ("Gloria sei dir gesungen"), und das groß dimensionierte Werk strömt in breiten, vollen Akkorden dahin.

Hayko Siemens aus München spielte diese Choralfantasie (op. 52, 2) zum Auftakt einer Konzertreihe von MUSIK AM 13. in Bad Cannstatt, die denselben Namen trägt wie ein derzeit laufender Zyklus in der Stiftskirche: Stuttgarter Orgelsommer. Siemens spielte in der Stadtkirche mit weit gespanntem Atem. Klänge wie aus höheren Sphären standen am Beginn einer ungemein fesselnden Wiedergabe, deren kluge dynamische Anlage in ein fulminantes, bewegendes Finale mündete. Im übrigen erwies der Organist in diesem Konzert zwei Hundertjährigen die Reverenz, nämlich Hugo Distler (1908-1942) und Olivier Messiaen (1908-1992). Distlers Sonatine op. 18, 1 präsentierte Siemens als gefälliges, munteres, heiter-verspieltes Opus, während bei Messiaen ("Prière après la communion") meditative, mystisch verklärte Klänge dominierten, in denen die visionäre Kraft des Komponisten deutlich wird. Zumindest in der ersten Hälfte eilte der Interpret unmittelbar von Stück zu Stück, was beim Zuhörer die Chance zur Reflexion stark beeinträchtigte.

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Stuttgarter Zeitung, 29.07.2008

Aus verzweifelter Selbstanklage wird jubelndes Gotteslob

Beeindruckende Eröffnung des Orgelsommers in Bad Cannstatt – Weitere Werke von Bach, Reger, aber auch Stücke Neuer Musik folgen

Die Situation ist durchaus paradox. Erst kürzlich startete der Orgelsommer in der Stuttgarter Stiftskirche, und nun spielte in Bad Cannstatt der dortige Kantor Jörg-Hannes Hahn die Eröffnung seines sommerlichen Konzertreigens. Eine gewisse Konkurrenzsituation ist hier nicht abzustreiten, auch wenn Orgelkonzertreihen in zahlreichen Städten längst zum Sommerferienprogramm gehören. Zum vierten Mal veranstaltet Hahn diese Konzertreihe in der spätgotischen Stadtkirche in Bad Cannstatt, der er wie immer einen programmatischen Rahmen gegeben hat.

Johann Sebastian Bach und Max Reger als die wahrscheinlich bedeutendsten Orgelkomponisten sollen die Fixpunkte der sechs Konzerte am Sonntagabend sein. Und diesen Rahmen steckte der Hausherr beim Eröffnungskonzert auch selbst ab, stellte Bachs Präludium und Fuge e-Moll BWV 548 wie ein übermächtiges Portal an den Beginn dieses Orgelsommers.

Schon das Präludium mit seiner komplexen Struktur, mit seinen fugierten Abschnitten überwältigt in seinen klanglichen Dimensionen, die von Hahn klug und sinnstiftend zu einem wirkungsmächtigen Ganzen zusammengebunden werden. In der anschließenden Fuge mit ihrem figurierten, spielerischen Thema setzt er vornehmlich auf klangliche Brillanz, wählt ein sportliches Tempo und steigert die verschnörkelte Ausgestaltung mit ihren vielen Verzierungselementen zu überbordender Gekünsteltheit. Und die bildete einen großen Kontrast zum Schlusspunkt des einstündigen Abends. Denn Max Regers große Choralfantasie "Straf mich nicht in deinem Zorn" op. 40,2 ist ein aus dumpfer Verzweiflung aufsteigendes Werk, ein Reflex der Verzweiflung in sinfonischer Dichte, die Jörg-Hannes Hahn beeindruckend gestaltet.

Mit maximalem Legato entwickelt er die weit ausgreifenden Themen, reiht in kompakter Dichte und Fülle die harmonischen Abschweifungen aneinander und führt das Riesenwerk, das dramaturgisch dem Choraltext folgt, aus verzweifelter Selbstanklage zu jubelndem Gotteslob. Beinahe zäh lässt Hahn den Anfang mäandern, tastet sich durch die komplexe Fantasie, die immer neue abenteuerliche Wendungen nimmt, immer mehr Register fügt er dem Klang bei, der allmählich aufstrebt, an Höhe, Kraft und Brillanz gewinnt und die teleologische Zuversicht, die im Text intendiert ist, erfahrbar macht. Den Orgelkollegen, die in den nächsten Wochen die Reihe der Reger´schen Choralfantasien vervollständigen werden, hat Hahn eine gewaltige Hürde vorgegeben, denn an dieser überwältigenden Interpretation werden sich die Musiker messen lassen müssen.

Daneben verblassten die beiden weiteren Werke dieses Abends eher. Nicolaus Bruhns Präludium in e ist ein typisches Beispiel des norddeutschen Toccatenstils mit vielen kleinen, auf Kontrast zielenden Motiven, die von Hahn in hübschen Echoeffekten und vielfältigen Registerfarben gestaltet wurden. Eher ungreifbar blieb Luciano Berios "Fa-Si", in dem der dissonante Zentralklang in teils lang gehaltener Penetranz dominierte. Umspielt wurde dieser Tritonus von kleinteiliger Motivik in zerfetzt wirkender Anlage. Flirrende, flatterhafte Motive züngelten und klirrten hier und dort, unwirkliche Eindrücke wurden durch distanzierte Klänge und Schwellereffekte erzielt, was auch zum exotischen Eindruck des Werks beitrug, das zugleich die dritte Linie für die kommenden Wochen vorgab. Denn neben einem Werk Bachs und einer Choralfantasie Regers sollen Hahns Kollegen ein Werk der Neuen Musik oder eine Improvisation spielen und den Weg der Orgelmusik in die Gegenwart nachzeichnen und fortschreiben.

Markus Dippold

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Esslinger Zeitung, 16.06.2008

Die mit Tränen säen

MUSIK AM 13. mit Motetten von Heinrich Schütz

Stuttgart – Die große Motettensammlung "Geistliche Chormusik" von Heinrich Schütz, dem bedeutendsten deutschen Komponisten des Frühbarock, erschien im Jahr 1648, dem Jahr des Westfälischen Friedens, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In den 29 Werken für fünf- bis siebenstimmigen A-cappella-Chor vollzog Schütz die Synthese zwischen polyphonem Satz alter Schule und dem freieren, affektbetonten Stil der italienischen Monodie.

In den Motetten zeigen sich einerseits Schütz‘ ungebrochenes Verhältnis zu den religiösen Textgrundlagen des Alten und Neuen Testaments, wobei Worte und musikalische Gedanken eine enge Verbindung eingehen, andererseits eine für diese Zeit ungewöhnliche emotionale Tiefe.

Acht dieser Motetten erklangen jetzt im Rahmen der ambitionierten Konzertreihe MUSIK AM 13. in der Bad-Cannstatter Stadtkirche. Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn hatte seinen Kammerchor Cantus Stuttgart, der an diesem Abend mit 13 Frauen- und neun Männerstimmen besetzt war, gut vorbereitet. Frei erblühte die ganze Ruhe und Leuchtkraft, die dieser Musik innewohnt. Die unterschiedlichen Affekte der Motetten wurden in den langsamen Stücken durch fein abgestimmte dynamische Arbeit und weiche Stimmführung, in den schnelleren durch schwungvolle und deutliche Phrasierung herausgearbeitet, ob es sich dabei um naiv-kindliche Tonfälle wie in "Herzlich lieb hab ich dich, o Herr" handelte , um das hymnisch-melancholische "Selig sind die Toten" oder das fröhlich-selbstgewisse "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". Flexibel reagierten die gut intonierenden Choristen und Choristinnen auf die klangformende Gestik ihres musikalischen Leiters. So konnten sich die Farbwerte der raffinierten Harmonik Schütz‘ samt ihrer Reibungen prächtig entfalten – wie etwa in der Motette "Die mit Tränen säen".

Zwischendurch setzte Jörg-Hannes Hahn immer wieder instrumentale Kontraste. Am zuweilen fröhlich glucksenden Orgelpositiv spielte er Choralbearbeitungen aus dem dritten Teil der "Clavierübung" von Johann Sebastian Bach, an der großen Orgel ausladende, spektakulärere Werke aus den Tabulatur-Büchern von Samuel Scheidt und Johann Ulrich Steigleder.

Verena Großkreutz

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Stuttgarter Nachrichten, 17.07.2008

Kühne Verwandlung

Originales oder Anverwandeltes – für den Oboisten Manuel Munzlinger gibt es keine strikten Grenzen: In der MUSIK AM 13. in der Cannstatter Lutherkirche kombinierte er Benjamin Brittens "Metamorphosen" op. 49 für Oboe solo mit eigenen Arrangements von Songs der Beatles, Michael Jacksons oder Herbert Grönemeyers. Er geht dabei mit Ithay Khen am Violoncello und Andreas Wolter am Klavier den umgekehrten Weg und versetzt das Neue ins Klangbild einer älteren Epoche. Jackson verpasst er die perlenden Klavierläufe Debussys. Herbert Grönmeyer wird mit Hilfe Robert Schumanns verwandelt, die Beatles lehnen sich an Eric Satie, Béla Bartók oder Scott Joplin an. Dies ist reizvoll, wirkte aber in der halligen Kirchenakustik und aufgrund der Textur des Ensemblesatzes mitunter aufgeplustert. Besser gelang die Kommunikation von Klang und Raum Brittens "Metamorphosen", in deren sechs Stücken nach Ovid Pan, Phaeton, Nibole, Bacchus, Narcissus und Arethusa auf musikalisch vielfältige Weise charakterisiert werden. Manuel Munzlingers feinsinniges Formen des Tons und sein geschmeidiges Zeichnen der melodiösen Phrasen ging da nicht selten eine stimmige Allianz mit dem nachklingenden Kirchenraum ein.

Thomas Bopp

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Stuttgarter Nachrichten, 15.05.2008

Experimentierlust

Werner Jacob (1938 bis 2006) hat 22 Jahre lang an der Stuttgarter Musikhochschule Orgel und Komposition gelehrt. In Konzerten, häufig mit zeitgenössischen Werken, reüssierte er im In- und Ausland. Jacobs Kompositionen waren stets von grenzenloser Experimentierlust geprägt. Jörg-Hannes Hahn, Schüler von Werner Jacob und Begründer der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt, ist es nun gelungen, weitere "Ehemalige" für eine Orgelnacht mit Werken des Meisters zu gewinnen.

Dem Zuhörer eröffnete sich ein vielschichtiges, mitunter schwer zugängliches Werk. Da beginnt ein Stück – etwa Fantasia, Adagio und Epilog, ein auskomponiertes Opus mit dem Titel "Improvisation sur E.B." (Ernst Bloch gewidmet) – zögernd, mit einzelnen Tönen, Tongruppen, Akkorden, die sich dynamisch zunehmend zu massiven Akkordblöcken verdichten. Clusterähnlich wandernde Akkorde mit kontrapunktierenden Motiven wechseln mit bizarrren polyfonen Abschnitten. Farbig, streng im Aufbau, atmosphärisch dicht: "Suscipe verbum" für Horn und Orgel. Den Interpreten Jörg Fuhr, Joachim Bänsch (Horn), Matthias Wamser, Gerald Fink, Thilo Frank, Detlef Dörner, Martin Strohhäcker, Sebastian Förschl und Jörg-Hannes Hahn gelangen an diesem Abend eindringliche Darstellungen der Werke ihres Lehrers.

Dietrich Röder

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Stuttgarter Zeitung, 15.05.2008

Die Lust am Experiment

Habhaftes bei der Orgelnacht von MUSIK AM 13. in Cannstatt

üblicherweise kommt man in der Kirche eher an ein Stück trocken Brot und ein Schlückchen Traubensaft als an belegte Brötchen und viertelesweise Wein. Aber bei einem Klassentreffen kann man das schon mal lockerer sehen, zumal wenn der Lehrer auch kein Kostverächter war. Der literatur- und philosophiebegeisterte Organist, Komponist und Stuttgarter Hochschulprofessor Werner Jacob hat bis zu seinem Tod im Mai 2006 gern gelebt. Passend also, dass bei der langen Orgelnacht in der Cannstatter Stadtkirche seine ehemaligen Schüler und Freunde unter Federführung von Jörg-Hannes Hahn nicht nur mit der (wegen Krankheit Fast-)Gesamtaufführung seiner Orgelmusik und einem ästhetisch-philosophischen Vortrag, sondern auch mit der oben erwähnten Pausenbewirtung an ihn erinnerten.

Leicht lässt sich der Kompositionsstil des 1938 geborenen Jacob nicht einordnen, er experimentierte zu gern mit verschiedenen Formen und Techniken. In seinem nicht eben umfangreichen Orgelwerk existieren Zwölftönigkeit und Cluster, Cantus firmus und Toccata neben- und miteinander.

Schön zu beobachten, wie der junge Kompositionsschüler anno 1963 in "Fantasia, Adagio, Epilog" die kanonische Stimmführung noch unbeholfen handhabt und über 20 Jahre später dann als erfahrener Organist souverän die Fugentechnik in den aus einer Improvisation entstandenen "Drei Metamorphosen über Themen aus Max Regers op. 135b" einsetzt. Andere Stücke sind sorgfältig konstruiert, wie die vom Komponisten so genannte "Improvisation sur E. B." über die Initialen des Philosophen Ernst Bloch. In ihr spielt Werner Jacob zudem mit dem Winddruck, also dem Orgelmotor.

Jacobs Schülergarde erwies sich dabei nicht als durchweg gleichrangig, machte an diesem Repertoireabend aber gemeinsam mit dem Hornisten Joachim Bänsch und dem Schlagzeuger Sebastian Förschl ihrem Lehrer alle Ehre. Zum Wohl!

Ines Stricker

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Stuttgarter Nachrichten, 13.5.2008

Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn führt Orgelwerke seines früheren Lehrers Werner Jacob auf

"Er saß gern zwischen allen Stühlen"

In der Reihe MUSIK AM 13. führt an diesem Dienstag Bad Cannstatts Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn mit sechs ehemaligen Kommilitonen die Orgelwerke von Werner Jacob auf.

Herr Hahn, was verbindet die ehemaligen Stuttgarter Schüler Werner Jacobs?

Sehr pragmatisch: Die meisten von uns sind halt Kantoren geworden. Für mich ist dieses Konzert auch ein Klassentreffen. Wäre Jacob nicht vor zwei Jahren gestorben, hätte ich ihm 2008, zum 70. Geburtstags, gewiss ein Porträtkonzert gewidmet.

Was hat Jacob als Lehrer an der Musikhochschule ausgezeichnet?

Er war sehr offen und undogmatisch. Er hatte die Fähigkeit, das zutage zu fördern, was in Einzelnen steckt, und ihnen dabei einiges Selbstbewusstsein mitzugeben. An gewisse Regeln musste man sich bei ihm zwar halten, aber ansonsten war man sehr frei. Er wollte aus seinen Schülern musikalisch und menschlich Persönlichkeiten machen.

Und wie hat er komponiert?

Auch hier war er sehr undogmatisch. In den 60er und 70er Jahren war er ein großer Vorkämpfer für die Orgelmusik, arbeitete viel mit modernen Klängen und Techniken. Er hat von sich selbst immer behauptet, er setze sich gern zwischen alle Stühle.

Spielen sämtliche Orgelwerke von Jacob?

Fast alle. Wir wollen schon die Bandbreite von den 60er Jahren, in denen Jacob noch ganz karg komponierte, bis zum Spätwerk abdecken. Das dauert etwa drei Stunden – und zwischendurch gibt es für alle Stärkung vom Büfett.

Fragen von Susanne Benda

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Stuttgarter Nachrichten, 25.03.2008

Dunkles Leuchten

Trotz aller polyfonen Kunstfertigkeit das geniale Element in Bachs Matthäuspassion liegt in der subtilen Ausleuchtung sanft changierender Stimmungen. Sie standen im Fokus der Interpretation der Aurelius-Sängerknaben Calw, des Bachorchesters und des Bachchors Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Hannes Jahn in der bis auf den letzten Platz besetzten Lutherkirche in Bad Cannstatt. Auch die Solisten fügten sich nahtlos in das schlüssige Konzept, so dass die über dreistündige Aufführungsdauer kein Empfinden von Längen zuließ. Uwe Schenker-Primus als Jesus, Michael Nowak als Evangelist, Heide Meier, Sopran, Silvia Hablowetz, Alt, und Ulf Bästlein, Bass, setzten vereinzelt vokale Glanzlichter expressiver Musik-Text-Auslegung mit ausgeprägter Akzentuierung der Tonverzierungen, verließen aber nie den gesteckten Rahmen des episch-erzählerischen Interpretationsansatzes. Nicht die Vision der allzu menschlichen Leiden Jesu wurde in Klangrede gegossen, sondern die menschliche Wärme des Vergebens und Verzeihens, getragen durch den außerordentlich konzentriert wirkenden Chor, der mit prächtigem, dunkel leuchtendem Timbre agierte.

Ulrich Köpppen

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Ludwigsburger Kreiszeitung 25.03.2008

Vokale Leuchtkraft, österliche Hoffnung

Bachs "Matthäus-Passion" am Karfreitag

Johann Sebastian Bachs am Karfreitag 1727 in Leipzig uraufgeführte "Matthäus-Passion" am sakralen Ort und zur religiös motivierten Zeit miterleben zu können, ist heutzutage eher die Ausnahme. In der Bad Cann-statter Lutherkirche war es möglich.

Die Ansprüche an Qualität und Sängeraufgebot sind, gerade im Stuttgarter Raum, für Aufführungen beträchtlich, und am Karfreitagnachmittag genügend Besucher ins Konzert zu bekommen nicht einfach. Für Jörg-Hannes Hahn und seine Cannstatter Reihe MUSIK AM 13. offenbar kein Problem: Mit dem Bachchor und Bachorchester Stuttgart gelang dem Kirchenkreiskantor und Hochschulprofessor eine sehr gut besuchte, anspruchsvolle Aufführung. überraschend war die romantisierende Tendenz von Hahns Interpretation. Ganz entgegen der gängigen Praxis eines barocken Klangideals bevorzugte Hahn für die Choräle mit seinem 100-köpfigen Bachchor wechselnde Tempi und gestaltete die Arienbegleitung expressiv.

In dem Tenor Michael Nowak hatte er einen passenden, das Emotionale seiner Erzählung stark betonenden Evangelisten zur Stelle. Uwe Schenker-Primus sang die Christuspartie majestätisch, Ulf Bästlein seine Bassarien mit forcierter Dramatik. Heidi Elisabeth Meiers Sopran erfüllte ihre Arien mit stetiger vokaler Leuchtkraft, während Silvia Hablowetz für die zentrale Altpartie als Idealbesetzung gelten kann. Ihr "Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen" umfasste unendliche Trauer und österliche Hoffnung.

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Cannstatter Zeitung 26.03.2008

Dramatische Passionsgeschichte vor der Osterbotschaft

Bad Cannstatt: Packende Aufführung der Matthäuspassion in der Martin-Luther-Kirche beim Sonderkonzert von MUSIK AM 13.

Traditionell wird Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion am Karfreitag aufgeführt, so auch in diesem Jahr in der Martin-Luther Kirche in Bad Cannstatt. Jörg-Hannes Hahn leitete seine Interpretation von dem moosgrünen Cembalo aus, an das er sich immer wieder setzte, um die Solisten zu begleiten.
Dieses symbolhafte Auf- und Abtauchen des Leiters des Bachchors und des Bachorchesters Stuttgart wies optisch auf das Spiel hin zwischen dem Einfühlen in das "Psychodrama" und dem Heraustragen der musikalischen Botschaft der "Passion" in die Welt. Nicht von ungefähr halte der Stuttgarter Kirchenkreiskantor Hahn den Hamburger Musikwissenschaftler und Psychologen Günter Jena nach Bad Cannstatt eingeladen, drei Tage vor der Aufführung seine Sicht auf das Werk des Leipziger Thomaskantors vorzustellen. Bei dieser Einführung hielt Jena leise lächelnd den zahlreichen Zuhörern – darunter der halbe Chor- die Matthäuspassion als "Spiegel" vor, in dem sie ihre eigenen Konflikte und Verhal­tensmuster erkennen könnten, weil "wir alle" gehalten seien, umzukeh­ren und unser Schicksal anzunehmen, als Jesus, Judas, Petrus, Pilatus, und so weiter. Dieses "Rollenspiel" erläuterte Jena anhand der Verwendung der fünf maßgeblichen Tonarten in Bachs Passion und illustrierte es mit Filmbeispielen: John Neumeier und Günter Jena hatten das Werk im Jahr 2003 als Ballett in Hamburg choreographiert.
Jörg-Hannes Hahns Aufführung durchwehte der gleiche Geist. Insbesondere den Solisten gelang es, mit geschmeidiger Stimmführung und eindringlichem Gestus eine dra­matische Spannung zu erzeugen, die alle Sinne hineinzog in das gleichermaßen verstörende-wie verklärende Klangerlebnis. Heidi Meiers makellose Sopranstimme war reiner Schmerz in der Klage: "Blute nur, du reines Herz" und gewann fast überirdische Klarheit im Gebet "Aus Liebe will mein Heiland sterben".
Der Kunstfertigkeit von Silvia Hablowetz wuchs zusehends Gefühlsdichte zu und brachte ihre Stimme zum Strahlen. Michael Nowaks Fähigkeit, Gefühle hör- (und sicht)bar zu machen, gipfelte in der Geduld-Arie beim Pendeln zwischen dem "Stechen" der falschen Zungen und der "Besänftigung" der Herzensunschuld. Menschliches Scheitern und das Leiden am eigenen Fehler demonstrierte Ulf Bästlein eindringlich als Judas, Petrus und Herodes neben dem Ehrfurcht gebietenden Jesus des Uwe Schenker-Primus, dessen warme und sichere Stimme von dem kündete, was es zu erfüllen galt.
An diesem Karfreitag erfüllten sowohl das Orchester als auch die Chöre nicht nur, was ihnen aufgegeben war, sondern sie erleuchteten die Sinne (und ein wenig wohl auch den Glauben) der Menschen, die ihnen lauschten. Aus Calw waren die Aurelius Sängerknaben gekommen deren helle Stimmen von der Empore herunter schwebten wie eine Frühlingswolke. Das Bachorchester war, der Partitur entsprechend, zweigeteilt und erweckte so den Eindruck, als wanderten die Klänge durch den Raum. Und dann war da noch der Bachchor. Er gehört zu den besten im Land, das hat er eindrucksvoll bestätigt, aber er hat auch die Herausforderung problemlos angenommen, Bach neu zu deuten – und es ist sehr gut gelungen.
So beeindruckte die Aufführung der Matthäuspassion in aller ihrer dramatischen Dimension kurz vor der hoffnungsvollen Osterbotschaft, die in vielen anderen Konzerten verkündet wurde.

rw

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Stuttgarter Zeitung 15.02.2008

Komponistenportrait: Wolfgang Rihm in Cannstatt

Wolfgang Rihms Platz in der ersten Reihe zeitgenössischer Komponisten streitet ihm längst keiner mehr ab. Dem 55-jährigen Karlsruher galt am Mittwoch innerhalb der Reihe MUSIK AM 13. das fünfte Komponistenportrait in der Cannstatter Stadtkirche. Der künstlerische Leiter Jörg-Hannes Hahn hatte eine Menge an erstklassigen Musikern aufgeboten, um den Meister gebührend zu empfangen. Die eingeschobenen Gesprächsrunden mit ihm und Rihm moderierte Ewald Liska.

Es entstand in knapper Zeit ein konzentriertes, ausdrucksstarkes und abgerundetes Bild von Rihms Künstlerpersönlichkeit. Rihm hat seinen Ansrpuch auf unmittelbaren musikalischen Ausdruck auch theoretisch immer wieder angemeldet. Einerseits haben so gegensätzliche Lehrer wie Eugen Werner Velte, Wolfgang Fortner, Karlheinz Stockhausen und Nikolaus Huber alle ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen, andererseits hat Rihm einen eigenen Personalstil entwickelt und seine Künstlerbiografie ein schlüssige Entwicklung genommen. Quer durch die Genres und Besetzungen wird er schöpferisch tätig, wie die kluge Stückauswahl des Abends zeigte. Seine durchaus gravitätische Erscheinung konterkariert Rihm in einem selbstironischen, badisch-humorvollen Ton. So wollte er sein "Crucifixus" nicht als Frühwerk bezeichnet wissen, sondern als "geistliche Musik des 15-jährigen Knaben". Er hörte es zum ersten Mal von dem exquisit vorbereiteten Kammerchor Cantus Stuttgart. Wie Bernhard Haas und der Schlagzeuger Klaus Dreher "Siebengestalt" für Orgel und Tam-Tam darboten, ließ Rihm noch vor dem Publikum in begeisterten Beifall ausbrechen. Auch das Percussion Ensembel Stuttgart entzückte ihn sichtlich.

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Stuttgarter Nachrichten 15.02.2008

Komponistenporträt der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt

Des Rattenfängers betörende Weisen

Über seine eigene Musik zu sprechen, sagte Wolfgang Rihm einmal in einem Interview, habe er immer "wortreich vermieden". Wer dem 55-jährigen Komponisten jetzt beim Gesprächskonzert von MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt begegnete, fand die Aussage bestätigt.

Zwar betonte Rihm, den der künstlerische Leiter des Stuttgarter Eclat-Festivals, Hans-Peter Jahn, gern hintersinnig als "Chamäleon", als "unser Telemann" bezeichnet, im Gespräch mit Ewald Liska und Cannstatts Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn, dass er sich weniger der romantischen als der klassischen – genauer: "der verrückt Mozart"schen" – Tradition verpflichtet fühle. Außerdem erzählte er, dass seine Lust am Komponieren für die menschliche Stimme auf eigene Chor-Erfahrungen zurückgehe und dass selbst jene große Spontaneität beim Komponieren, die man ihm gemeinhin unterstellt, zwingend Strukturiertes zur Folge haben müsse: "Beim Komponieren kann man der Struktur nicht entkommen."

Doch die Musik, die zwischen den Gesprächsblöcken erklang und die sich an der künstlerischen Biografie des Karlsruher Kompositionsprofessors über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren entlanghangelte, sagte tatsächlich sehr viel mehr. Sie kündete von der Sehnsucht ihres Schöpfers nach Schönem, Bleibendem, nach einem intellektuellen Konstrukt, das sich in tönende Emotion bettet, nach magischen, vielleicht auch mystischen, in jedem Fall sehr unmittelbar wirkenden Bildern und Gefühlen hinter den Themen, Texten und Thesen, die Rihms wachem Geist mit so bewundernswerter Selbstverständlichkeit zuzufallen scheinen.

Dabei manifestierte sich auf dem Weg von der "Crucifixus"-Motette des noch nicht 16-Jährigen bis hin zu den abschließenden zwei Stücken aus den "Sieben Passionstexten", die zwischen 2001 und 2006 ebenfalls für Chor a cappella entstanden, nicht etwa ein ästhetisches Fortschreiten.

Nein: Entscheidend ist bei diesem Komponisten immer eine Idee, die eine jeweils eigene Struktur hervorbringt. So wagt etwa "Siebengestalt" für Orgel und Tamtam von 1974 einen weiten, wirkungsvollen Spagat zwischen polyfoner Strenge und packender Klangsinnlichkeit. Wenn Letztere sich verselbständigt, wenn sie sich selbst zu genießen scheint (was bei Rihm nicht gerade selten vorkommt), wirkt der Mann, dessen rundes Lächeln schon den Genießer verrät, manchmal wie ein Rattenfänger, der seinen eigenen betörenden Weisen hinterherläuft.

Bernhard Haas am (so Rihm) "großen Klangtier" Orgel, der Schlagzeuger Klaus Dreher, das Percussion Ensemble Stuttgart und der Kammerchor Cantus Stuttgart unter Jörg-Hannes Hahn mühten sich mit Erfolg um Präzision und Wirkung, und auch wenn mancher Stimm-Cluster, den man hier hörte, eigentlich als Einklang notiert war, auch wenn das "Tristis est anima mea" dem Chor irgendwie ins Diffuse entglitt, so blieb doch der Gesamteindruck stark.

Der Komponist applaudierte den Interpreten, das berührte, belehrte und außerdem gut unterhaltene Publikum applaudierte dem Komponisten, und nachdem das alles vorbei war, eilte dieser zum Zug, der Heimat zu. "Es reicht", hatte er schließlich schon eingangs festgestellt, "wenn meine Kunst in der Welt herumläuft." Außerdem: "Ein Finanzbeamter wird nie an der Arbeit gehindert – ein Komponist immer."

Susanne Benda

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Esslinger Zeitung, 15.02.2008

Pathos und Passion

Persönlich gestaltetes Komponistenporträt: Wolfgang Rihm in der Stadtkirche Bad Cannstatt bei MUSIK AM 13.

Stuttgart – Im Jahr 1968, als 16jähriger Gymnasiast, der noch während seiner Schulzeit gerade das Kompositionsstudium an der Karlsruher Musikhochschule begonnen hat, schreibt Wolfgang Rihm sein "Crucifixus" für gemischten Chor a cappella: ein kurzes Stück, dessen polyphon auffächernder Klang sich in der spätgotischen Cannstatter Stadtkirche eindrucksvoll entfaltete. Es stand am Anfang des Komponistenporträts, mit dem Jörg-Hannes Hahn den Komponisten in seiner Reihe MUSIK AM 13. mit einigen Werken aus den letzten 40 Jahren vorstellte.

Was ihm ein solches Stück sakraler Musik aus seinen Anfängen als Musiker heute bedeute, fragte Ewald Liska als Gesprächspartner. Er freue sich, es nun zum ersten Mal zu hören, bekannte Wolfgang Rihm, der damals noch nicht – wie dann seit der Auszeichnung mit dem Kranichsteiner Musikpreis zehn Jahre später – mit Kompositionsaufträgen überhäuft war und sich die Ensembles für seine Uraufführungen aussuchen konnte. Viele seiner Werke, erklärte Rihm, seien aus einem bestimmten Anlass heraus entstanden. Doch es gebe "nichts Unstrukturiertes", er versuche seine Musik so zu gestalten, "als sei sie sozusagen im ersten Griff erfasst."

"Mit geschlossenem Mund" für acht Stimmen hat Rihm für ein Konzert zur Situation politisch Verfolgter 1982 in Köln komponiert. "Eine Art Choral, dem der Text weggenommen ist", erläuterte Rihm seine Vorstellung vom mundtot gemachten Künstler, der dennoch allein durch sein Dasein eine Botschaft zu verkünden hat. Auch dieses Stück stellte Jörg-Hannes Hahn mit seinem Kammerchor Cantus Stuttgart prägnant und auch in seinen mikrotonalen Anforderungen überzeugend dar. Bei der Komposition "raumauge" für Chor und 5 Schlagzeugspieler (1994) war das Percussion-Ensemble Stuttgart der wesentliche Impulsgeber. Hier hat Rihm den Schlussmonolog des Prometheus aus der antiken Tragödie des Aischy­los in der Übersetzung von Peter Handke als Musiktheater vertont, mit einem irisierenden Klanghintergrund der Frauenstimmen und zwei antipodischen Männergruppen, die den Text verfremdet skandieren.

Nach der von Messiaen und Stockhausen inspirierten "Siebengestalt" für Orgel und Tam-Tam (1974), die von Bernhard Haas und Klaus Dreher ungeheuer expressiv mit gleißenden Clustern und überfallartigen Gongschlägen interpretiert wurde, stand am Schluss des Konzerts noch einmal eine sakrale Komposition. Rihms "Sieben Passions-Texte" für sechs Stimmen sind von 2001 bis 2006 entstanden und lassen den Ausführenden viel Freiheit in Dynamik und Artikulation. "Singt es wie alte Musik – dann hört man, dass es keine ist", steht als Vorschlag im Notentext. Von Liska gefragt, weshalb in seinem Werk soviel Chorisches zu finden sei, erinnerte sich Rihm daran, dass er nach frühem Stimmbruch schon seit seinem 12. Lebensjahr im Karlsruher Oratorienchor "das klassische und romantische Repertoire rauf und runter gesungen" habe. Doch seine Mitwirkung am "Requiem der Versöhnung" (1995) oder seine Passionsvertonung "Deus passus" nach Texten aus dem Lukas-Evangelium und von Paul Celan zeige auch sein Interesse an geistlicher Musik.

Dietholf Zerweck

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Kritik unseres Konzertes in der Stadtkirche am 13.01.2008
Stuttgarter Nachrichten vom 16.1.2008

Schütz und Distler bei MUSIK AM 13.

Motettenkunst mit weichen Konturen

Hugo Distler, einer der bedeutendsten Vertreter der protestantischen Kirchenmusik inder ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wäre dieses Jahr 100 geworden. Im Naziregime zählte man seine Werkr zur "entarteten Kunst". Distler beendete sein Leben 1942 durch den Freitod. Für drei Jahre von 1937 bis 1940, war er Kompositions- und Orgelehrer an der Stuttgarter Musikhochschule. In der Reihe MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche erinnerte jetzt der Leipziger Kammerchor Josquin des Prez an den Komponisten, indem man Motetten aus Distlers zwischen 1934 bis 1941 entstandene "Geistlicher Chormusik" solche aus Schützens gleichnamiger Sammlung von 1648 gegenüberstellte. Ludwig Böhme, seit 2002 künstlerischer Leiter des Ensembles, achtet mit seinen elf Vokalisten auf ein homogenes Klangbild, wobei er die deklamatorischen Konturen eher weich abrundet. Dies schränkte die Spannungsfülle der Textdeutung und die plastische Transparenz des Satzes etwas ein, behinderte aber nicht die kontrastierende Zeichnung der musikalischen Architektur. Eher bedauerte man dass der Sopran bisweilen nach oben ausbrach, den Stimmfluss nicht genügend frei entfaltete und ihm zuwenig Festigkeit verlieh.

Thomas Bopp

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Beitrag aus "Musik und Kirche 1´2008" über das Konzert am 25.11.2007, 19.00 Uhr in der Lutherkirche 
S. Corbett: Maria Magdalena – Uraufführung
W. A. Mozart. Große Messe c-moll KV 427

Karg und ohne Dramatik

Uraufführung von Sidney Corbetts "Maria Magdalena" in Stuttgart

Maria Magdalena galt der katholischen Kirche lange als Prostituierte, als jene reuige Sünderin des Lukas-Evangeliums, die Jesus die Füße mit ihren Tränen wäscht. Seit Urzeiten gibt es aber auch andere Deutungen ihrer Person: Sie sei eine der treuesten Jüngerinnen Jesu gewesen, seine enge Vertraute in theologischen Fragen, gar seine Geliebte.
Diese Ansicht wird einerseits durch die Bibel selbst belegt, anderseits durch eine umfangreiche, auf etwa 160 n. Chr. datierte Papyrusschrift, die 1945 in ägypten entdeckt wurde.

Das geheimnisvolle "Evangelium der Maria"

Dieses "Evangelium der Maria" gibt theologische Diskussionen zwischen Maria Magdalena und der Jüngerschaft sowie ein Gespräch zwischen Maria Magdalena und dem auferstandenen Christus wieder.
Dass diese Texte von der katholischen Kirche nicht anerkannt werden, wundert nicht angesichts der Konsequenzen bis hin zur Frage nach der Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Der 1960 in Chicago geborene Komponist und Wahlberliner Sidney Corbett hat sich in seinem neuesten Werk Maria Magdalena mit der umstrittenen Persönlichkeit beschäftigt.
Das zweiteilige Oratorium für drei Frauenstimmen, Chor und Orchester erlebte jetzt in der Lutherkirche Stuttgart-Bad Cannstatt seine Uraufführung.
Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn widmeten sich der Bachchor und das Bachorchester Stuttgart, die Sopranistinnen Eva Lebherz und Christina Landshamer sowie die Altistin Franziska Kimme hoch konzentriert und engagiert dem gut 50-minütigen Opus.
Das Libretto in deutscher und lateinischer Sprache kompiliert Passagen aus dem Hohelied, den Psalmen, den Evangelien sowie dem "Maria-Evangelium".

Magdalenas Liebe zu Jesus

Es stellt die Liebe Maria Magdalenas zu Jesus in den Mittelpunkt, erzahlt die bedeutenden Ereignisse ihres Lebens: Die Ölung von Bethanien, ihr Ausharren am Kreuz, die Entdeckung des leeren Grabes, ihre Begegnung mit dem Auferstandenen.
Der Chor übernimmt die Berichte aus den Evangelien, die Solistinnen kommentieren mit alttestamentlichen Worten.
Das Libretto wirkt jedoch wenig schlüssig.
So leuchtet es nicht ein, warum gerade die Begebenheit um Maria Magdalenas Ölung des Christushauptes eine so große Gewichtung erhält (sie wird in mehreren Evangeliumsversionen wiedergegeben) oder warum der Lukas-Bericht von der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße wäscht und salbt, so viel Raum einnimmt.

Das Libretto lässt Stringenz vermissen

Die fehlende Stringenz des Librettos überträgt sich auf die Musik. Sie will nicht überzeugen, sie arbeitet unentwegt rhetorischer Deutlichkeit entgegen, verweigert sich jeder Dramatik und Entwicklung. Beschleunigt wird selten, die Zeit vergeht in gemächlichem Tempo. Allzuoft wiederholen sich Quart- und Quintstrukturen, gleichförmiges Pochen, rauhes Flageolett in den Streichern, kühle und grelle Klangeffekte in den Sopranstimmen.

Introvertierte Klanggeflechte

Die introvertierten Klanggeflechte aus punktuell eingesetzten Instrumenten und kurzen Phrasen fesseln das Ohr selten durch Expressivität. Die Spannung verflüchtigt sich. Hat das Leben Maria Magdalenas wirklich nicht mehr zu bieten als Monotonie?
Nach dem kargen Werk entfaltete sich Mozarts große c-Moll-Messe kräftig und lebendig. Der Chor fand nicht nur im "Jesu Christe" zu prachtvoller Klangschönheit. Jörg-Hannes Hahn arbeitete viele feine Farbeffekte heraus, und auch die Solistinnen zeigten sich bestens aufgelegt: Anrührend sang Christina Landshamer ihr "Et incarnatus est", technisch brillant gelang Sonja Koppelhuber das "Laudamus te".

Verena Großkreutz

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AKTUELLES KONZERT
01.08.-05.09.10, 20 Uhr
Stadtkirche Bad Cannstatt

Sommer! – 6 x Orgel
Max Reger: Die großen freien Orgelwerke

01.08.
L. Lohmann

08.08.
Chr. Bossert

15.08.
M. Lücker

22.08.
K.-L. Kreutz

29.08.
J.-H. Hahn

05.09.
M. Nacy

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