Stuttgarter Nachrichten 15.02.2012
Wege der Romantik
Das Kammerchor-Recital mit dem Cantus Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Johannes Hahn brachte am Montagabend in der gut besetzten Stadtkirche Bad Cannstatt A-cappella-Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Hugo Wolf. Es hat den Anschein, als sei unsere Zeit, als Reaktion gegen sich selbst, der Romantik wieder näher gekommen. Doch hat die Sprache für uns einen anderen Klang bekommen. Die geschulten Stimmen des Cantus setzten auf klangvolle Entdeckerfreuden, es wurde frisch und bewusst gesungen, dynamisch sehr frei beweglich, mit bisweilen vielleicht zu starkem Sopran. Die gute erste Hälfte gehörte Mendelssohn. Die Chorsätze, darunter Vertonungen des der 43. und 100. Psalms, wurden mit großem Atem gesungen und überzeugend ausmusiziert.
Die "Sechs geistlichen Lieder" von Wolf nach Gedichten von Eichendorff erwiesen sich als Kostbarkeiten für Kenner, ausgestattet mit hochsensibler Harmonik und diffizilen Intervallen. Zwei Orgelwerke von Mendelssohn fügte Zuzana Kissova sehr differenziert registriert ins Programm ein. Das 2004 entstandene Stück "Gegenwind" der Komponistin Carola Bauckholt brachte zunächst nur Geräusche und skurrile Klanginformationen, die viel Schmunzeln hervorriefen. In der Verdichtung des Klanges und durch Hinzufügen einer Stimme fanden Entwicklungen statt. Die Wiederholung einiger Effekte verbrauchte diese jedoch schnell.
Wolfgang Teubner
Eßlinger Zeitung 15.02.2012
Schwelgen im Wohlklang
Romantische Chormusik in der Cannstatter Reihe
"Musik am 13."
Farbenprächtige romantische Harmonik brachte den Klangraum der gut besuchten Bad Cannstatter Stadtkirche zum wohltönenden Vibrieren. Auf dem Programm der Reihe "Musik am 13." standen zuvorderst A-cappella-Werke aus Felix Mendelssohn Bartholdys umfangreichem Oeuvre geistlicher Musik. Der Chor Cantus Stuttgart in der Leitung von Jörg-Hannes Hahn brachte Mendelssohns hohe Kunst, Polyphonie und Kantabilität miteinander zu vereinen, zur vollen Entfaltung. Abgesehen von gelegentlich etwas zu grellen hohen Soprantönen setzten die 26 Choristen und Choristinnen die enorm farbenreichen Vokalsätze klangschön und intonationssicher um, gestalteten die extrovertierten Passagen mit kräftiger Linienführung und die Harmoniewechsel an den verinnerlichten Momenten weich und mit warmem Timbre. Wohlausgewogen und inspiriert glückte dem Projektchor auch die spannende, wirkungsvolle Dramatik in der Vertonung des Psalms 43.
In romantischer Harmonik schwelgen durften die Ohren der Zuhörer auch in Hugo Wolfs sechs Geistlichen Gesängen auf Texte von Eichendorff. Wunderbar gelangen dem Ensemble die Stimmungswechsel dieser melancholisch und verträumt über Waldeinsamkeit, Nacht und Tod reflektierenden Werke.
Kontrastiert wurden die Gesänge von Orgelzwischenspielen. Zuzana Kissova interpretierte Mendelssohns Andante D-Dur sowie Präludium und Fuge G-Dur allerdings mit etwas zu viel Rubato. Zu stark auf das Grundmetrum wirkten ihre inflationär eingesetzten Veränderungen des Tempos. Überzeugender gelang Kissova die Aufführung von Carola Bauckholts 2004 komponiertem "Gegenwind". Zum romantischen Wohlklang bot dieses Werk für präparierte Orgel einen krassen Gegensatz. Keine Linie oder Entwicklung, sondern ein Nach- und Ineinander von oft hohen Einzeltönen, nervenreibenden Tonrepetitionen, Intervallen und Skalenfragmenten prägt den musikalischen Verlauf, der immer wieder vom schimpfenden Flüstern der Organistin und einem tonlos rauschenden Register konterkariert wird. Schade, dass im Programmheft nichts Erläuterndes zu finden war. Nichts über die ungewöhnlichen Eingriffe ins Orgelwerk, auch nichts über den geflüsterten Text, von dem man lediglich so etwas wie "Du bist
ein Idiot!" verstand.
Verena Großkreutz
Eßlinger Zeitung 17.01.2012
Florales Glück
Cannstatter Reihe "Musik am 13." mit einem Geburtstagskonzert für John Cage
Am Ende wurden einige Zuhörer in der gut gefüllten Bad Cannstatter Stadtkirche doch ein bisschen ungeduldig und verließen frühzeitig das Gotteshaus. Nach 25 Minuten ganistischem "ASlSP" von John Cage (Abkürzung für - übersetzt - "So langsam wie möglich") befürchteten sie wohl ähnliche Zeitverhältnisse wie in der Halberstädter Sankt-Burchardi-Kirche, wo die achtseitige Partitur seit 2001 gedehnt auf 639 Jahre erklingt. Man nimmt den Titel dort eben sehr ernst. Das Cannstatter Publikum hätte dagegen nur noch ein paar Minütchen ausharren müssen. Denn Marco Bidin an der Orgel, der zuvor mit Oliver Messiaens "Offrande et Alleluja final" eine hochvirtuose Kostprobe seines Könnens gegeben hatte, hielt sich bei seiner meditativen Gestaltung von Liegetönen, Pausen und gehaltenen Akkorden ziemlich genau an die Uraufführungsdauer.
Auch dieses Konzert der Reihe "Musik am 13." anlässlich Cages 100. Geburtstag offenbarte wieder einmal, dass Cages Ideen die Erwartungshaltung der Zuhörer noch immer prächtig konterkarieren. So auch "Child of tree" für einen Schlagzeuger, in dem der Solist die zehn Instrumente aus Pflanzen oder pflanzlichem Material weitgehend selbst aussuchen darf: Raphael Sbrzesny - mit Rockabilly-tolle und schwarzem Anzug - hatte sich neben den vorgeschriebenen Kaktussen für Birkenäste, hölzernes Strandgut, Stroh und Bambusrohre entschieden, um die etwas mystisch wirkende Performance aus Hämmern, Ploppen, Rascheln und gläsernem Kaktusstachelvibrieren gekonnt zu bewältigen. Auch das Knacken der Holzbänke, das das Konzert begleitete, weil die Zuschauer permanent und neugierig die Köpfe streckten, um zu erkennen, was der junge Mann denn wohl gerade für ein "Instrument" betätige, fügte sich prima in Cages Konzept. Glücklich war, wer am Ende eines der Primelchen mit nach Hause nehmen durfte, die zum Auffangen rieselnden Strohs gedient hatten und die der Perkussionist zum Finale im Publikum verteilte.
Verena Großkreutz
Stuttgarter Nachrichten 16.01.2012
Musik am 13. für John Cage
Am Ende wurden einige Zuhörer in der Bad Cannstatter Stadtkirche doch ein bisschen ungeduldig und verließen frühzeitig das Gotteshaus. Nach 25 Minuten organistischem "ASLSP" (Abkürzung für zu Deutsch: so langsam wie möglich) von John Cage befürchteten sie wohl ähnliche Zeitverhältnisse wie in der Halberstädter Sankt-Burchardi-Kirche, wo die achtseitige Partitur von "ASLSP" seit 2001 gedehnt auf 639 Jahre erklingt. Das Publikum in Bad Cannstatt hätte dagegen nur noch ein paar Minütchen ausharren müssen, denn Marco Bidin an der Orgel hielt sich bei seiner meditativen Gestaltung von Liegetönen, Pausen und gehaltenen Akkorden ziemlich genau an die Uraufführungsdauer. Auch dieses Konzert der Reihe "Musik am 13." anlässlich Cages 100. Geburtstag offenbarte, dass Cages Ideen die Erwartungshaltung der Zuhörer noch immer unterläuft. So auch "Child Of Tree" für einen Schlagzeuger, in dem der Solist die Instrumente aus pflanzlichem Material weitgehend selbst aussuchen darf: Raphael Sbrzesny hatte sich neben den vorgeschriebenen Kakteen für Birkenäste, hölzernes Strandgut, Stroh und Bambusrohre entschieden, um die Performance aus Hämmern, Ploppen und gläsernem Kaktusstachelvibrieren gekonnt zu bewältigen. Glücklich war, wer am Ende eines der Primelchen mit nach Hause nehmen durfte, die als Auffang rieselnden Strohs gedient hatten und die der Perkussionist als Finale seiner Darbietung im Publikum verteilte.
Verena Großkreutz

