Stuttgarter Zeitung, 25.08.2009
Markante Register
Orgelkonzert
Michael Kapsner hat in Cannstatt Werke von Louis Vierne gespielt.
Die Improvisation gilt als die Königsdisziplin der Organisten. Aus einem schlichten Thema soll ad hoc ein Kunstwerk entstehen, das Fantasie und Formbeherrschung gleichermaßen beweist. Michael Kapsner, Orgelprofessor in Weimar, wählte bei seinem Konzert in der Cannstatter Stadtkirche die Melodie "Du, meine Seele, singe" als Ausgangspunkt. Doch mehr als auf- und absteigende Arpeggien als Beiwerk um die gestückelte Melodie, grundiert mit einigen Orgelpunkten, fielen ihm dazu nicht ein. Eher schlicht wirkte auch sein Umgang mit der gewaltigen fünften Orgelsymphonie von Louis Vierne. Dem Franzosen ging es wie den meisten Orgelkomponisten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert um die Übertragung orchestraler Techniken auf das Tasteninstrument. Im langsamen Einleitungssatz dominieren bei Kapsner einzelne, vom Gesamtklang deutlich abgesetzte Solostimmen, während die Pedaltöne dumpf grummeln.
Markante Zungenregister beherrschen die Eingangssequenz des Allegro-Satzes, was aber sofort wieder in Verhaltenheit zurückgenommen wird. Den stärksten Eindruck hinterließ das geisterhafte Scherzo. Pointiert artikuliert Kapsner diesen dritten Satz, erzeugt räumliche Wirkungen für die flatterhaften Motive, die mit teils starken Dynamikwechseln und Verzögerungen belebt werden. Leider fielen die beiden Schlusssätze wieder in einen verhalteneren Duktus zurück, bei dem oft die Pedal-töne kaum wahrnehmbar waren und der Ausdrucksgehalt eher verinnerlicht war, was ganz im Gegensatz zum kurzen, aber prägnanten Konzertbeginn stand. Mit den strahlenden Klängen und der spielerischen Motorik von Bachs Fantasie über den Choral "Komm, Heilger Geist, Herre Gott" BWV 651 zeigte Kapsner eine deutlich wirkungsvollere Interpretation.
Markus Dippold
Stuttgarter Zeitung, 25.08.2009
Orgelkonzert
Himmlisch hell
Sommerzeit ist Orgelzeit, nicht nur in der Stiftskirche. Auch in der Cannstatter Stadtkirche hat Jörg-Hannes Hahn einen sechsteiligen Orgelzyklus etabliert, dessen zweite Halbzeit der Hausherr höchstselbst eröffnete. Mit Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 und dem Choralvorspiel BWV 662 demonstrierte Hahn die beiden Seiten des Orgelkomponisten Bach: ersteres Werk hochvirtuos und mit prachtvoller Klangentfaltung, wie ein stilles Gebet das zweite.
Große Musik sind unbestritten beide, während sich bei Louis Viernes die Geister scheiden. Überladen finden die einen dessen orgelsinfonischen Entwürfe, überwältigend die anderen. Effektvoll und motivisch stringent durchgearbeitet ist diese Musik auf jeden Fall, aber nicht jeder ist eben ein Mystiker wie Olivier Messiaen. In dessen "Le Banquet céleste" leuchtet, wie durch Kirchenfenster gefiltert, die Harmonik in immer neuen spektralen Brechungen auf: mit zunächst gedeckten, grauen Klängen, die sich aufhellen und an Farbigkeit gewinnen. Am Ende zeigt sich der Himmel.
fab
Stuttgarter Nachrichten, 19.08.2009
Mehrwert und Verständlichkeit
Was die Bad Cannstatter Kirchenmusikreihe MUSIK AM 13. für die Saison 2009/10 plant
"Nicht nur verkopfte Stücke" will Bad Cannstatts Kantor Jörg-Hannes Hahn als künstlerischer Leiter der Reihe MUSIK AM 13. auch in der kommenden Saison in Bad Cannstatt bieten. "Der Zugang zu unseren Programmen", betont der Stuttgarter Kirchenmusikdirektor und Organist, "muss auch für den "normalen" Konzertbesucher spontan möglich sein. Und da wir kein freier, sondern ein kirchlicher Veranstalter sind, bieten wir immer auch Inhalte, die über die reine Musik hinausgehen."
Mehrwert und Verständlichkeit sind die Richtlinien, nach denen Hahn sein Programm für die Cannstatter Luther- und Stadtkirche zusammenstellt; der Erfolg – sprich: die Treue seines Stammpublikums – gibt ihm recht. Das dürfte sich auch in der Saison 2009/10 nicht ändern, denn mit einem Schwerpunkt auf Mendelssohns geistlichem Vokalwerk (neben Motetten und dem "Elias" sind auch die noch wenig gesungenen Choralkantaten zu hören) bietet die Reihe Porträtkonzerte über und mit den Komponisten Heinz Holliger (am 13. Juni 2010) und Milko Kelemen (am 13. November zu dessen 85. Geburtstag).
Weitere Konzerte zeugen vom Versuch, mit anderen Institutionen zu kooperieren, um auf diese Weise neue Publikumsschichten zu gewinnen – so etwa ein "Beginner"Konzert mit neuen Werken aus dem Umfeld der Stuttgarter Musikhochschule, das man gemeinsam mit der Vermittlungsinitiative Netzwerk Süd plant. Auch zwei der "Sonnenaufgangskonzerte" beim diesjährigen Musikfest Stuttgart werden von MUSIK AM 13. gestaltet, und in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Projekt "Die Anstifter" plant Hahn ein Gedenkkonzert zur Erinnerung an die Ermordung behinderter Menschen unter den Nationalsozialisten.
Programmklassiker sind Rossinis "Petite Messe Solennelle", Bachs Johannespassion und das Trompete-/Orgelkonzert (in diesem Jahr mit dem Trompeter Jörge Matthias Becker) zu Silvester. Außerdem wird es an Weihnachten wieder ein Kinderkonzert geben (zu Teilen von Bachs "Weihnachtsoratorium" gibt es ein Krippenspiel der Helene-Schoettle-Schule für Geistigbehinderte), und auch 2010 wird "Sommer! 6x Orgel" als Konzertreihe in der Konzertreihe fortgeführt – dann stehen die großen freien Orgelwerke Max Regers im Mittelpunkt.
Es scheint, als fänden auch in der nächsten Spielzeit in Bad Cannstatt wieder künstlerischer Anspruch und Popularität auf harmonische Weise zusammen. "Wer vieles bringt", heißt es im Vorspiel zu Goethes "Faust", "wird manchem etwas bringen – und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Wo passte dieser Spruch so gut wie hier? Hahn selbst formuliert sein Anliegen für sich und seine Programme jedenfalls ganz ähnlich: "Wichtig ist, dass die Leute nach dem Konzert zufrieden sind – schließlich wollen wir, dass sie wiederkommen."
Susanne Benda
Stuttgarter Zeitung, 05.08.2009
Auch kleine Register tönen
Andreas Rothkopf eröffnet den Orgelsommer in Cannstatt
Am Ende des Konzerts in der Cannstatter Stadtkirche ist deutlich geworden, welche Sehnsucht die französischen Organisten des 19. Jahrhunderts umtrieb. Die sechste Orgelsinfonie h-Moll von Louis Vierne beendete das Auftaktkonzert des Orgelsommers, der wie immer eine programmatische Linie verfolgt: Werke von Bach werden mit den ausladenden Sinfonien Viernes verbunden, ergänzt werden alle Programme um zeitgenössische Kompositionen.
Exemplarisch steht Viernes Sinfonie h-Moll für die Tradition der französischen Orgelmusik im 19. Jahrhundert: üppige und vielfältig differenzierte Klänge, großformatige Anlagen und motivisch-thematische Arbeit prägen die Komposition. Vor allem im virtuosen Finalsatz demonstrierte der Saarbrücker Orgelprofessor Andreas Rothkopf mit brillanter Klangfärbung und flottem Tempo bei äußerst klarer Artikulation die Sogwirkung dieser Musik, deren Finaldramaturgie überwältigend ist.
Das überdeckte auch manche musikalische Schwäche in den anderen Sätzen. Die ruhige Aria wirkte wenig gesanglich, zerfiel durch überdehnte Generalpausen und extreme Dynamikwechsel. Auch dem großen Adagio-Satz fehlten Entwicklung und Zielstrebigkeit. Daran zeigte sich deutlich Rothkopfs Eigenart, Kompositionen im Spiel zu zergliedern, was auch bei Olivier Messiaens sechster der neun Meditationen "Sur le mystére de la Sainte Trinité" auffiel. Fanfarenartige Unisono-Motive wechselten mit Misterioso-Klängen des Schwellregisters. Dabei neigte Rothkopf zur kleinteiligen Registrierung und kleidete selbst Miniatur-motive in immer neue Registerfarben.
Geschlossener waren die beiden Bachwerke am Konzertanfang. Majestätisch im Eindruck war das "Alla Breve" BWV 589, wenngleich etwas verhalten im Tempo. Auf weiche Flötenfarben setzte Rothkopf in der Fantasie über den Choral "Christ lag in Todesbanden", dessen figurativen Charakter der Organist sehr betonte.
Markus Dippold
Eßlinger Zeitung, 01.08.2009
Singet dem Herrn ein neues Lied
Der künstlerische Leiter Jörg-Hannes Hahn stellt die neue Saison der Cannstatter Kirchenkonzertreihe MUSIK AM 13. vor
Aufrechte Christenmenschen pfeifen auf heidnischen Aberglauben. In Bad Cannstatt singt man bevorzugt am vermeintlichen Unglückstag dem Herrn ein neues Lied – und das mit segensreichem Erfolg. Die Kirchenkonzertreihe MUSIK AM 13. in der künstlerischen Leitung des Organisten, Dirigenten und Stuttgarter Kirchenkreiskantors Jörg-Hannes Hahn zählt zu den profiliertesten Angeboten in der an Sakralklängen reichen Region. Abwechselnd in der Cannstatter Stadt- und der Lutherkirche finden – neben etlichen Sonderkonzerten – Monat für Monat am 13. die musikalischen Gottesdienste statt. Dabei nimmt Hahn das Psalmwort vom neuen Lied ziemlich ernst, räumt er der Neuen Musik doch einen prominenten Platz in den Programmen ein. In der kommenden Saison etwa wird am 13. November der Komponist Milko Kelemen anlässlich seines 85. Geburtstags klangvoll gewürdigt. Am 13. Januar 2010 folgt ein Konzert in Zusammenarbeit mit der Beginner-Reihe, die neue Töne jungen Hörern nahebringen will. Aufgeführt wird Musik von Ori Talmon, David Kosviner und Georg Wötzer. Und am 13. Juni 2010 ist mit zweien seiner Werke der Schweizer Komponist Heinz Holliger zu Gast, einer der Großen der zeitgenössischen Musik.
Dirigiert werden die drei Konzerte mit renommierten Interpreten, etwa Solisten des Stuttgarter Radio-Sinfonieorchesters, von Jörg-Hannes Hahn selbst, der naturgemäß auch Klassiker wie Bachs Weihnachsoratorium (19./20. Dezember) oder dessen Johannespassion (2. April 2010) unter seine Taktstock-Fittiche nimmt. Mit seinem Bachchor sowie seinem Cantus Stuttgart, einem Auswahl-Ensemble, startet Hahn außerdem einen auf zwei Jahre ausgelegten Mendelssohn-Zyklus mit sämtlichen Sakralwerken des Komponisten. Auftakt ist am 22. November mit dem "Elias".
Zurückhaltend im Umgang, aber entschieden in der Sache findet Hahn einen interessanten Weg zwischen mutiger Moderne und Mainstream, zu dem auch das unvermeidliche Konzert für Trompete und Orgel (31. Dezember) zählt. Mit Moderationen und Rezitationen beuge er sich der Nachfrage nach Musikvermittlung, sagt Hahn mit freundlich ironischem Lächeln, ebenso locker nimmt er einen Konzerttermin morgens um sieben, den ihm die erstmalige Kooperation mit der Bachakademie eingebracht hat: Zwei solcher "Sonnenaufgangskonzerte" mit Orgelmusik finden am 10. und 17. September im Rahmen des Musikfests statt. Vorher gibt es ab morgen bis 6. September jeden Sonntag, 20 Uhr, den Orgelsommer in der Cannstatter Stadtkirche mit den Orgelsymphonien von Vièrne.
Martin Mezger
Stuttgarter Zeitung, 29.07.2009
Kirchenmusik
Jörg-Hannes Hahn stellt seine Pläne für die Saison vor
"Der Weg von Stuttgart nach Bad Cannstatt ist doppelt so weit als in umgekehrter Richtung." Ein gern zitierter Allgemeinplatz, und für Jörg-Hannes Hahn war er viele Jahre wahr, wenn er das Publikum betrachtete, das zu den Konzerten in die Cannstatter Stadtkirche und in die Lutherkirche kam. Seit einigen Jahren sind die Wege kürzer geworden, wie der Kirchenmusikdirektor erfreut feststellt: viele Stuttgarter finden inzwischen den Weg in die Konzerte der Reihe MUSIK AM 13., deren Pläne Hahn gestern vorstellte. Neben den Aktivitäten des Kollegen Kay Johannsen an der Stiftskirche bietet MUSIK AM 13. das andere ambitionierte Kirchenmusikprogramm im Großraum Stuttgart an und bereichert die hiesige Szene.
Dass der Kirchenmusiker seine Aktivitäten wie die "weltlichen" Veranstalter in Saison-Zeiträumen disponiert, spricht für Jörg-Hannes Hahns Anspruch, in der Stadt präsent zu sein. So werden Kooperationen mit Institutionen vor Ort gesucht und vereinbart – mit der Bachakademie beispielsweise, zu der es viele Jahre keinen produktiven Kontakt gab. Mit dem neuen Bachakademie-Intendanten Christian Lorenz ist der nun gefunden. So werden während des Stuttgarter Musikfests zwei Sonnenaufgangskonzerte (für Frühaufsteher, Beginn ist um 7 Uhr) in der Cannstatter Stadtkirche stattfinden. Am 17. September etwa muss Hahn selbst ran und unter anderem Max Reger spielen; da schnauft Hahn kurz auf und zwinkert mit den Augen. Auch ein Beginner-Konzert, gemeinsam veranstaltet mit Musik der Jahrhunderte, soll es in der Saison 2009/10 geben.
Wichtig ist die richtige Balance zwischen Klassikern der Literatur – nächstes Jahr etwa Bachs Johannespassion – und Ausgefallenem. Dazu gehören Uraufführungen von Heinz Holliger und von Milko Kelemen, dem ein Porträtkonzert zum 85. Geburtstag gewidmet ist. Auf zwei Jahre hat Hahn die Aufführung sämtlicher geistlicher Vokalwerke von Felix Mendelssohn angelegt, den Auftakt macht der "Elias" in diesem November.
Götz Thieme
Cannstatter Zeitung, 22.07.2009
Stehende Ovationen für "Carmina Burana"
Bad Cannstatt: Sommerkonzert von MUSIK AM 13. in der Lutherkirche war ein voller Erfolg
Schon bei der Probe zeigte sich am Samstagabend, was für ein Stimmenzauber und welch kraftvolle Musik sich in der Lutherkirche beim Sommerkonzert von MUSIK AM 13. entfaltet. In der fast ausverkauften Lutherkirche konnten die Besucher hören, warum Carl Orffs monumentale "Carmina Burana" zu den meistgespielten Chorwerken des 20. Jahrhunderts gehört: Der Sprecher Rainer Wolf fasste die teils freizügigen Texte aus dem lateinischen und dem Mittelhochdeutschen zu einer unterhaltsamen Kurzversion zusammen, die die Zuhörer zum Schmunzeln brachte, denn man war ja in der Kirche. Die Lieder aus der Benediktbeurer Handschrift handeln vom großen Rad der Glücks- und Schicksalsgöttin, die Aufstieg, Lebenshöhepunkt und Fall des Menschen mit einer faszinierenden rhythmischen Musik zeigen, ebenso Frühlings-, Tanz- und Liebeslieder in deutscher, französischer und lateinischer Sprache des Mittelalters. Dem Vortrag der Solisten Petra Labitzke, Joaquin Asiain und Uwe Schenker-Primus, dem Klavierduo Barbara Rieder und Sebastian Bartmann, dem Bachchor Stuttgart, dem Jugendchor Korntal-Münchingen und dem Christophorus Symphonie Orchester Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn folgte das Publikum mit angehaltenem Atem und belohnte sie zuletzt mit stehenden Ovationen. Die "Carmina Burana" ist eine weitere Bereicherung des bereits bestehenden Repertoires, das sich der Bachchor unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn erarbeitet hat. Dabei zeigte der Chor, mit welcher Flexibilität er sich den verschiedenartigsten Werken, auch des 20. Jahrhunderts, zu widmen weiß. Saubere Intonationen und klare Aussprache sind längst bekannte Attribute des Chores. Ihm bei dem rhythmisch und sprachlich anspruchsvollen Werk zuzuhören, bereitete große Freude. Alle Solisten sangen ihre Rollen mit sichtlichem Vergnügen. Petra Labitzkes Sopran schwang sich mühelos in die von Carl Orff vorgegebene Höhen, Alexander Yudenkov besang das Schicksal des armen gebratenen Schwans, und in Uwe Schwenker Primus glaubte man direkt den Abt zu hören, dessen Leidenschaft der Besucher der Taverne war. Solisten, Kinderchor, Bachchor und Christophorus Symphonie Orchester bildeten unter dem Dirigat von Hahn eine merklich mit Freuden musizierende Einheit, präzise und mit vollem Einsatz.
In der Lutherkirche begeisterte der Bachchor mit dem Christophorus Symphonie Orchester Stuttgart, dem Jugendchor Korntal-Münchingen mit der Aufführung von Orffs "Carmina Burana" unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn.
Foto: Frey
(if)
Stuttgarter Nachrichten 15.5.2009
Enttäuschend
Ein exzellenter Ruf eilt den Aurelius-Sängerknaben aus Calw voraus. Leider konnte der Chor den hohen Erwartungen nicht gerecht werden, als er am Mittwochabend bei der Konzertreihe MUSIK AM 13. in der gut gefüllten Cannstatter Stadtkirche gastierte. Positiv fiel die Textverständlichkeit der gesungenen Psalmen, Antifonen und Motetten aus dem 16. bis 20. Jahrhundert auf. Doch standen Führungsstimmen und bloße Mitsinger in keinem guten Verhältnis, die Intonation wirkte oft unsicher, etliche Anfangsakkorde klangen erst im Nachbessern sauber, der Sopran hatte Mühe in der Höhe, und eine gute Balance zwischen Knaben- und (schütter besetzten) Männerstimmen stellte sich nicht ein. Zudem verhinderte die Neigung des Dirigenten Bernhard Kugler zu sehr kurzen Phrasen oft eine ausdrucksvolle Gestaltung – wo Gerades glückte, wirkte es (etwa bei Byrds "Beata virgo" oder bei Mendelssohns "Hebe deine Augen auf", das mit einem zweistimmigen Knabenchor sonst so anrührend rein klingen kann) oft ein wenig gesichtslos. Schade.
Susanne Benda
Stuttgarter Nachrichten 14.4.2009
Kontrast mit Tippett
In England gilt er als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Michael Tippett, dessen "A Child Of Our Time" jetzt in der Reihe MUSIK AM 13. in der voll besetzten Bad Cannstatter Lutherkirche zu hören war. Dass Jörg-Hannes Hahn mit diesem Werk einen Kontrapunkt setzte zum österlichen Bach, spricht für ihn. Zumal Tippett in seinem um das Jahr 1940 komponierten Oratorium politisch Stellung bezog zu den barbarischen Vorgängen, die Europa verfinsterten: Er thematisiert die nationalsozialistischen antisemitischen Novemberpogrome des Jahres 1938, protestiert gegen politische Verfolgung und plädiert für gewaltfreien Widerstand.
Aber obwohl das Stuttgarter Kammerorchester und der Bachchor ihren Part engagiert und plastisch gestalteten, wollte einen die in spätromantischem Geist komponierte Musik nicht so richtig packen. Hahn ging sein Dirigat zu kontemplativ an: Es floss zunächst, dann plätscherte es. Eine straffere, zielgerichtetere Formung hätte vielleicht die kunstvoll bearbeiteten Spirituals, in die Rezitative und Arien immer wieder münden, zum Swingen gebracht. Letzterem standen auch die stimmgewaltig agierenden Solisten Petra Labitzke, Elisabeth Graf, Răbert Morvai und Uwe Schenker-Primus ein wenig im Wege.
Verena Großkreutz
Esslinger Zeitung 14.4.2009
Erst fließen, dann plätschern
Michael Tippetts Oratorium "A Child of our Time" in der Cannstatter Lutherkirche
Stuttgart – In England gilt er als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, in Deutschland hört man selten seine Werke: Michael Tippett, dessen Oratorium "A Child of our Time" in einem Sonderkonzert der Reihe MUSIK AM 13. in der voll besetzten Bad Cannstatter Lutherkirche zu hören war. Es spricht für Jörg-Hannes Hahn, dass er mit diesem Werk einen Kontrapunkt setzte zum landauf, landab gespielten österlichen Johann Sebastian Bach, der freilich mit seiner Kantate "Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott" BWV 127 auch in diesem Nachmittagskonzert vertreten war.
In seinem um das Jahr 1940 komponierten Opus bezog Tippett auch politisch Stellung zu den barbarischen Vorgängen, die damals Eu ropa verfinsterten: Er thematisierte die nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938, welche die systematische Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger einleiteten. Er hob den Stoff auf eine zeitlose Ebene, protestierte gegen politische Verfolgung und plädierte für gewaltfreien Widerstand.
Im Detail ist sein Text von erschreckender Aktualität. Auch wenn es heute befremden mag, solch krasse Inhalte in spätromantischem Tonfall zu hören. Und dass Tippett, der sich formal an Händels Oratorien und Bachs Passionen orientierte, erzählende Rezitative und betrachtende Arien immer wieder statt in Choräle in berühmte Spirituals wie "Go down, Moses" münden lässt, mag an der musikalischen Moderne geschulte Ohren irritieren. Aber dass Tippetts Musik einen in der Lutherkirche nicht so richtig packen wollte, obwohl das Stuttgarter Kammerorchester und der Bachchor ihren Part engagiert und plastisch gestalteten, lag eher an Hahns kontemplativ ausgerichtetem Dirigat.
Er ließ die Ensembles singen und klingen: Es floss zunächst, dann plätscherte es. Eine straffere, zielgerichtetere Formung hätte möglicherweise die Dramatik stärker hervorgeholt, die in der Partitur schlummert – und die kunstvoll bearbeiteten Spirituals zum Swingen gebracht. Letzterem standen auch die stimmgewaltig agierenden Solisten Petra Labitzke (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Róbert Morvai (Tenor) und Uwe Schenker-Primus (Bass) ein wenig im Wege. In opernhaftem Tonfall kann man einem "Deep river" nicht beikommen.
Verena Großkreutz
Ludwigsburger Kreiszeitung 14.4.2009
Zwischen Todessehnsucht und Zukunftshoffnung
Michael Tippetts "A Child of Our Time" in Bad Cannstatt
Stuttgart – Einer der Höhepunkte der Cannstatter Reihe MUSIK AM 13. ist in jedem Jahr das Sonderkonzert zum Karfreitag. Der Stuttgarter Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn hat diesmal ein selten aufgeführtes Werk des Briten Michael Tippett ausgewählt.
Sein Oratorium "A Child of Our Time", 1939 bis 1941 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden, handelt von der Krise unserer Zeit und der Hoffnung der Humanität. Chaos und Katastrophen erschüttern die Welt, nur im Innersten des Menschen lebt der Funke zur Veränderung. "Mitleid bricht das Herz auf", singt die Altistin angesichts des "Chores der Unterdrückten", der immer wieder mit neu vertonten Spirituals in das musikalische Geschehen eingreift.
Während Elisabeth Graf in der Aufführung in der Cannstatter Lutherkirche stimmstark den Glauben an die göttliche Vernunft im Menschen verkörperte, äußerten sich in Petra Labitzkes warmem, ausdrucksvollem Sopran Verzweiflung und Mitgefühl. hn Mittelteil übernahm sie die Rolle der Mutter, die ihren Sohn nicht vor dem Terror des Holocaust beschützen kann und selbst darin umkommt. "Brennt ihre Häuser nieder! Zerschmettert ihre Schädel!" lässt Tippett den Chor hasserfüllt skandieren. Mit den Chorälen, Turba-Chören, einem Erzähler und wechselnden Arien verwendet Tippett Elemente der Oratorien-Tradition seit Händel und Bach.
Orchestral erreicht "A Child of Our Time" manchmal die Eindringlichkeit von Benjamin Brittens "War Requiem". Das Stuttgarter Kammerorchester brachte dies, verstärkt durch einen großen Bläserapparat, hervorragend zur Geltung, und der 90-köpfige Stuttgarter Bachchor konnte sich dabei klangvoll behaupten.
Uwe Schenker-Primus gestaltete die Erzähler-Partie mit mächtigem, abgrundtiefem Bass; der Tenor Robert Morvai sang die Rolle des Kindes mit berührendem Timbre. Jörg-Hannes Hahn gelang eine dramatisch spannungsvolle Aufführung, die im von Chor und Solisten gemeinsam gesungenen Spiritual "Deep river, my home is over Jordan" zwischen Todessehnsucht und Zukunftshoffnung ihr geistiges Zentrum erreichte.
Dietholf Zerweck
Stuttgarter Nachrichten, 20.3.2009
Leise Laute
Nur vier der sieben Lautenwerke Bachs sind Originalkompositionen, die restlichen Stücke sind eigenhändige Bearbeitungen von Musik für andere Instrumente – so auch die vormals für Violoncello solo geschriebene Suite g-Moll BWV 995, mit welcher der Lautenist Andreas Martin vor etwa 200 Zuhörern seinen ausschließlich Bach gewidmeten Abend bei MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Canstatt eröffnete. Bei der c-Moll-Suite BWV 997 und dem c-Moll-Präludium BWV 999 aus dem weiteren Konzertverlauf handelt es sich hingegen um originäre Lautenkompositionen.
Mit seiner behutsamen Herangehensweise auf der Erzlaute (Archiliuto) geht es Andreas Martin nicht darum, jedes Detail einer Stimmlinie hörbar werden zu lassen. Er sieht den Verlauf dieser Stücke in größeren Zusammenhängen. Mit sensibel gewölbten, feinnervig dynamisierten Klangbögen liegt ihm mehr daran, den Gestus und den harmonischen Atem dieser Musik zu betonen.
Dabei lässt Martin die stimmliche Gleichzeitigkeit von Führung und Beiwerk rund und ausgewogen erscheinen. So gelingt es dem Künstler, dass der Hörer den intellektuellen Zugang zu dieser Musik einfach einmal ausblendete und gedankenverloren eintauchte in eine feintönende Klangästhetik.
Thomas Bopp
Esslinger Zeitung / Ludwigsburger Kreiszeitung, 17.2.2009
Zart gepresste Klänge
"Nicht nur Töne produzieren, sondern auch Töne verhindern": Helmut Lachenmann im Komponistenporträt bei MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche
Komponieren, so beruft sich Helmut Lachenmann auf Schönberg, Webern oder Luigi Nono, müsse provozieren. Vom Hörer verlangt dies vorbehaltlose Offenheit und die Bereitschaft, sich auf die Suche zu begeben nach dem Unerhörten der Klänge. Wie Lachenmann diese Suche angeht, davon war beim Komponistenporträt der Reihe MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche des öfteren die Rede. Ewald Liska und Jörg-Hannes Hahn unterhielten sich mit dem 73-jährigen Stuttgarter Komponisten, der auch international zu den renommiertesten Vertretern Neuer Musik zählt, über die Prinzipien jener Radikalität, mit der Lachenmann die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten ständig hinterfragt und verändert.
"Verweigerung" ist dabei ein Schlüsselwort im kompositorischen Prozess: "Die Musiker sollen nicht nur Töne produzieren, sondern auch Töne verhindern", erläutert Lachenmann die Struktur seines 2. Streichquartetts, das er 1989 unter dem Titel "Reigen seliger Geister" veröffentlicht hat. Die Anspielung auf Glucks "Orpheus und Eurydike" scheint ironisch, doch findet Lachenmann im ätherischen seiner Komposition Berührungspunkte.
Töne "aus der Luft gegriffen"
Ein "Wahrnehmungsspiel" nennt er dieses Werk, bei dem Töne "aus der Luft gegriffen" und "Luft aus den Tönen gegriffen" werden. Das Lotus String Quartet (Sachiko Kobayashi und Mathias Neundorf, Violinen; Tomoko Yamasaki, Bratsche; Chihiro Saito, Violoncello) demon strierte mit bewundernswerter Präzision und einer Vielfalt streichtechnischer Raffinessen, wie spannend die 30-minütige Entdeckung unvertrauter Geräusch- und Klangfelder in neuem Kontext, zwischen hauchend verwehten Tönen und tanzenden Pizzikati, sein kann. Lachenmann verglich die "zart gepressten Klänge" mit der Wanderung durch eine Landschaft, in welcher der Atem, der Schritt, das Knacken eines Zweiges zur Lauterfahrung werden.
"Ein Kinderspiel": Die sieben kleinen Stücke für Klavier hat Lachenmann 1980 komponiert, damals war seine Tochter Akiko sieben Jahre alt. Bei ihr erlebte er die Neugier, eine Klaviatur vom höchsten Diskantton bis zum tiefsten Bass zu erproben, und das wird, mit einem zufälligen Zitat von "Hänschen klein", zum Spielmuster des ersten Stücks. Bei der "Filter-Schaukel" wird aus einem ständig wiederholten Cluster durch Aufhebung einzelner Töne ein Des-Dur-Dreiklang herausgefiltert, beim "Schattentanz" wird wie in "Wolken im eisigen Mondlicht" der Resonanzkörper des Flügels auf rhythmische Effekte reduziert. Helmut Lachenmann selbst gab dem technisch keineswegs kinderleichten Zyklus eine authentische Darstellung.
Bei den beiden Vokalkomposi tionen zum Schluss, von Dieter Kurz, seinem Circus Musicus der Hochschule und dem Percussion Ensemble Stuttgart expressiv dargeboten, war die geistige Nähe zu Nono offenkundig. "Consolation I" von 1967 verarbeitet einen Text von Ernst Toller zum existentiellen Schrei: "Das bist Du / Der heute / An der Mauer steht / Mensch, das bist Du / Erkenn Dich doch / Das bist Du.” Aus dem Wessobrunner Gebet um 790 zitiert Lachenmann in "Consolation II" 1968 die Leere, das Nichts vor dem ersten Schöpfungstag. Er beschwört es im tonlosen Konsonantengestrüpp, welches den Hörer geradezu zu einem klanglichen Gegenbild provoziert. Als Komponist Neuer Musik sei er ja "Leerer", meint Lachenmann zum Schluss in Anspielung auf Willi Baumeister, der diesen Begriff am Nullpunkt der Kunst nach 1945 für sich verwendet habe: In seinem Werk entleere er tradierte Strukturen, um auf andere Dinge achten zu können.
Dietholf Zerweck
Stuttgarter Nachrichten, 16.2.2009
Im Schatten der Geräusche
Lachenmann-Porträt in der Stadtkirche Bad Cannstatt.
"Ohrwascheln neu ausrichten!" Diese Forderung stellt der Komponist Helmut Lachenmann immer wieder aufs Neue an die Hörer seiner Musik. Das ihm gewidmete Porträtkonzert in der Reihe MUSIK AM 13. in der gut gefüllten Bad Cannstatter Stadtkirche bot ihm am Freitag reichlich Gelegenheit, mit Jörg-Hannes Hahn und Ewald Liska über seine Klangästhetik zu plaudern. Der Meister war zunächst mit "Ein Kinderspiel" selbst am Flügel zu hören und spielte die sieben klanglich statischen Miniaturen mit besonderer Kühle und Strenge.
Was einen echten Lachenmann ausmacht, offenbarte dann vor allem sein zweites Streichquartett "Reigen seliger Geister": Töne werden als Schatten von Geräuschen hörbar und Geräusche als Schatten von Tönen. Das Lotus String Quartet arbeitete sich hochkonzentriert an der Technik des sphärischen Flautatospiels ab, die nicht nur dazu dient, Töne zu erzeugen, sondern auch zu verhindern. Als krönenden Abschluss gab das formidable Vokalensemble Circus Musicus der Stuttgarter Musikhochschule unter Leitung von Dieter Kurz Lachenmanns "Consolation" I und II zum Besten – in Erstem unterstützt von vier Perkussionisten: Musik, die Sprache in ihre konsonantischen und vokalen Bestandteile zerlegt, was eine hochexplosive Mischung aus Hauch-, Zisch-, Brumm- und Plopplauten ergibt.
Verena Großkreutz
Stuttgarter Zeitung, 16.2.2009
Knarrende Bänke
Lachenmann in Bad Cannstatt
Ton für Ton steigt Helmut Lachenmann im Rhythmus von "Hänschen klein" zu Beginn seines Zyklus "Ein Kinderspiel" die chromatische Tonleiter der Klaviatur hinab: Es ist immer ein besonderes Vergnügen, einen Komponisten selbst sein Werk intonieren zu hören. Harte Anschläge und ein flottes Tempo, im dritten, der Tochter gewidmeten Satz "Akiko" fast jazzartig, kennzeichneten Lachenmanns Spiel bei der MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche.
"Das ist keine Musik": Mit dieser äußerung überraschte der Komponist seine Gesprächspartner, Ewald Liska und den Veranstalter Jörg-Hannes Hahn. Helmut Lachenmann wollte möglichen Einwänden den Wind aus den Segeln nehmen, wie sie von Besuchern seiner Konzerte allerdings kaum zu erwarten sind. Aber es ist etwas daran: Lachenmann komponiert nicht gewöhnliche Töne, sondern sozusagen die Nebengeräusche, den hölzernen Anschlag, auch den Nachhall der Saiten.
Dies zeigte sich auch bei seinem zweiten Streichquartett, bravourös dargeboten vom Lotus String Quartet. Auf die aus dem tonlos gehauchten Bogenstrich emporwachsenden Streich- und Zupfgeräusche antwortete sacht das Knarren der Kirchenbänke, das Neunuhrgeläut, ein kaum hörbares Rauschen der Heizungsanlage. Lachenmanns Chorwerke Consolation I und II klingen im Kirchenraum erstaunlich klar: Besser noch unbegleitet als mit Marimbaphonen und Pauken. Konsonanten und Stille, unterbrochen von schrillen Schreien, Schnalzen und Pfiffen, lebhaft vorgetragen vom Circus Musicus unter der Leitung von Dieter Kurz, konnten sich ungehindert entfalten. Der angedeuteten Frage nach seinem Verhältnis zur geistlichen Musik wich der Komponist allerdings aus. "Gott" als letztes Wort des in "Consolation II" vertonten, um 790 entstandenen Wessobrunner Gebets ist für den Pfarrerssohn ein tonloser Laut mit einem Loch in der Mitte.
hbü
Stuttgarter Nachrichten, 22.12.2008
Profil zugespitzt
Bachs Weihnachtsoratorium sorgt stets für ein volles Haus – so auch am Samstag anlässlich Jörg-Hannes Hahns Aufführung der ersten Hälfte des Zyklus, der in der Cannstatter Stadtkirche tags darauf die zweite mit den Kantaten IV bis VI folgen sollte. Dem Bachchor forderte Hahn in den Jubelchören Elan und Konturenprägnanz ab, spitzte so das Profil zu, um es zum Schluss mit übermäßig breitem Ritardando abzubremsen. Solcher Getriebenheit stellte er im auffallend verhalten gesungenen und alle Euphorie meidenden Hirtenchor "Lasset uns nun gehen gen Betlehem" eine so kaum aus Text und Musik zu begründende Entschlusslosigkeit entgegen. Die Choräle variierte Hahn in einem Spektrum von Besinnlichkeit, freudhafter Zuversicht und zuweilen auch etwas überinterpretierender Affektdeutung. Das prominent besetzte Bachorchester Stuttgart und die Bachs vokale Stilistik adäquat umsetzenden Rita Balta (Sopran), Marion Eckstein (Alt) und Achim Kleinlein (Tenor) gewannen den artikulatorischen und phraseologischen Gegebenheiten spannungsreiche Aspekte ab.
Thomas Bopp
Stuttgarter Zeitung, 25.11.2008
Erlösung nach Schrecken
Jörg-Hannes Hahn dirigiert Brahms´ Requiem in Cannstatt
Am Ende stellt sich die Zuversicht ein, die zentrales Element des christlichen Glaubens ist. Der Tod wird überwunden, den Gläubigen erwartet der ewige Friede des himmlischen Paradieses. Doch bis zu diesen versöhnlichen Klängen in Johannes Brahms´ "Ein Deutsches Requiem" war es an diesem Sonntag in der Cannstatter Lutherkirche ein weiter Weg. Denn Jörg-Hannes Hahn stellte Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" an den Beginn des Konzerts mit dem Bachchor und Bachorchester Stuttgart. In schneller Deklamation beschreibt der Sprecher (Uwe Schenker-Primus) in englischer Sprache die Gräuel des Holocaust.
Die Trompeten schmettern dazu martialische Klänge, die ins Grelle umschlagen, wenn der Sprecher ins Deutsche verfällt und im Kasernenhofton Befehle brüllt. Nahtlos schließt Hahn in dieser spannungsreichen und konzentrierten Aufführung das Brahms-Requiem an, dessen Eingangsverse "Selig sind, die da Leid tragen" inhaltlichklanglich die Erlösung nach dem von Schönberg so drastisch geschilderten Schrecken bringt.
Die Leistung des Bachchores ist dabei erstaunlich. Ohne klangliche Einbußen bewältigt der Chor die anspruchsvolle Partie, zeigt in den homofonen Passagen majestätische Geschlossenheit und findet Transparenz in den komplexen Fugen. Warm, tröstend sind die Ecksätze, machen die verbale Botschaft der Erlösung sinnlich erfahrbar. Wuchtig lässt Hahn den Totentanz bei "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" musizieren, überhöht den Sarabanden-Rhythmus ins Gravitätische. Das führt nahtlos zu den archaischen Linien des Solobaritons. Uwe Schenker-Primus singt das mit großem Tonfall und pathetischem Gestus. Schade, dass die Sopranistin Doerthe Maria Sandmann das "Ihr habt nun Traurigkeit" als Summe intonatorisch fragwürdiger Einzeltöne mit geschobenem Klang präsentiert. Den stärksten Eindruck hinterließ aber die im Chor strahlend musizierte Doxologie "Herr, du bist würdig".
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Stuttgarter Nachrichten, 25.11.2008
Klagetöne und Jubelfreuden – Konzerte in Stuttgart
Musikalisches Gedenken
In seinen Konzerten tritt Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn stets auch als ein kluger Dramaturg in Erscheinung. So stellte er am Totensonntag in der Bad Cannstatter Lutherkirche im gut besuchten Sonderkonzert der Reihe MUSIK AM 13. dem Brahms’schen Deutschen Requiem Schönbergs "A Survivor from Warsaw" voran, dem ein Bericht eines Überlebenden des deutschen Massakers im Warschauer Ghetto zugrunde liegt. So verbanden Hahn und seine Ensembles den Gedenktag an die Verstorbenen mit der Erinnerung an die Opfer der deutschen Gewaltherrschaft.
Nach Schönbergs auch heute noch klanglich hochmodern anmutenden Melodrama setzte der in Wohlklang badende Beginn des Brahms-Requiems einen schockierend krassen Kontrast. Natürlich vernahm man jetzt das Deutsche Requiem mit anderen Ohren, hörte man einen doppelten Boden mit, der Brahms noch fremd war. Der Bachchor und das Bachorchester Stuttgart wurden der kontemplativen Ausrichtung des Werks im Großen und Ganzen gerecht. Leider blieb der Text beim Chor oft unverständlich. Das lag zum Teil auch am etwas unausgewogenen Miteinander der Ensembles.
So spielte das Orchester mit brillanter Grundfarbe, aber mit sinfonischem Ungestüm den Chor zuweilen an die Wand. Im Chor dagegen standen die intonatorisch eingeschärften Soprane und recht matte Tenorstimmen einem homogenen Zusammenklang im Wege. Auch bei den Solisten blieben Wünsche offen. So wirkte Sopran Doerthe Maria Sandmann in der Emphase mitunter recht angestrengt, vor allem bei den Spitzentönen. Und der geschmeidig phrasierende Bariton Uwe Schenker-Primus setzte zuweilen auf ein zu opernhaftes Pathos.
Verena Großkreutz
Esslinger Zeitung, 15.11.2008
Krasser Schnitt
Eine Uraufführung und Chorwerke von Mendelssohn, Brahms und Reger in der Cannstatter Reihe MUSIK AM 13.
Stuttgart – Eine Art Konzeptkonzert konnte man jetzt in der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Stuttgart-Bad Cannstatt miterleben. Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn stellte die Uraufführung von Willibald Bezlers "Klagelied" für Orgel solo aus dem Jahre 2007 in den Kontext thematisch verwandter Chorwerke von Mendelssohn Bartholdy, Brahms und Reger und reflektierte im Programm zudem den Trauermonat November und seine Gedenktage an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Unter Hahns Leitung hielten sich die 23 Sänger und Sängerinnen des Kammerchors Cantus Stuttgart in Mendelssohns Motette "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" op. 23/1 zunächst an eine eher spartanische Klanglichkeit, die für diesen Komponisten eigentlich untypisch ist. Schon machte sich das Hauptproblem des Abends bemerkbar: eine kaum zu überhörende Sopranlastigkeit, die durch den einen oder anderen gelegentlich zu tief intonierenden Kehlkopf eingeschrillt wurde. Wohlige Klänge vermisste man ein bisschen aber auch in Mendelssohns geistlichem Männerchor – "Beati mortui in Domino", in dem die Tenöre sich nicht wirklich auf eine gemeinsame Farbe einigen konnten. Besser machte es der weibliche Teil des Ensembles in Brahms´ geistlichen Chören op. 37 – auch wenn weiterhin gewisse Soprane Mühe hatten, die Spitzentöne genau zu treffen. Dafür sang der Alt ausgesprochen klangschön.
Ließ auch die Intonation und der Zusammenklang insgesamt Wünsche offen – in Sachen sensibler Gestaltung zeigte sich Cantus Stuttgart in Eintracht mit seinem Leiter auf hohem Niveau. Vor allem Brahms´ Motette für gemischten Chor "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen" berührte durch eine bis ins kleinste emotionale Detail ausgearbeitete Dramaturgie.
Krass dann der Schnitt: Aus dem Schönklang heraus und nach Brahms´ friedlichem Schlussvers hätte wohl kaum etwas so grell aufrütteln können wie Jizchak Katzenelsons "Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk", in dem der Dichter, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, seine furchtbaren Erlebnisse im Warschauer Ghetto, seine Hilflosigkeit, Wut und Trauer in Worte gegossen hat. Martin Wendte rezitierte die Ausschnitte aus dem erschütternden Poem bewegt und mit Intensität.
Gegenüber der dramaturgisch ausgeklügelten Vorbereitung wirkte dann Willibald Bezlers "Klagelied", das Jörg-Johannes Hahn an der Orgel zur Uraufführung brachte, beinahe beliebig. Wie in einer großen virtuosen Improvisation reihten sich sprechende Gesten, schräge Akkorde, minimalistisch strukturierte Klangflächen und starre Klangblöcke aneinander, um schließlich über apokalyptisches Cluster-Getöse in ein bombastisches Choralfinale zu münden.
Verena Großkreutz
Stuttgarter Zeitung, 02.09.2008
An den Flüssen von Babylon
Orgelsommer: Samuel Kummer
Die Improvisation ist die Königsdisziplin der Organisten. Sie verlangt musikalische Ideen, harmonisches Bewusstsein, Sinn für formale Zusammenhänge und Entwicklungen. Und das Ganze geschieht im besten Fall aus dem Moment heraus, vielleicht mit Bezügen zu den anderen Werken in einem Konzertprogramm. Samuel Kummer, der Organist der Frauenkirche in Dresden, beherrscht diese Königsdisziplin. Am Sonntag beendete er den Orgelsommer in der Cannstatter Stadtkirche und beeindruckte vor allem mit seiner sinfonisch dimensionierten Improvisation.
Aus tiefen Pedalklängen lässt er die Musik aufsteigen, eine melodische Floskel wird erkennbar, strebt aufwärts, wird in rhythmische Muster überführt, aus denen sofort die nächste Melodie erwächst. Rhythmisch zugespitzte Abschnitte wechseln sich mit lyrischen Momenten ab, mal dominieren beharrliche Figuren, Akkordrepetitionen das Geschehen, dann entschwebt eine von Flötenklängen getragene ruhige Linie. Samuel Kummer wechselt schnell die Affekte, ändert unaufhörlich die Registrierungen, was bisweilen den Hang zur Kleinteiligkeit hat, letztlich aber dem toccatenhaften Stil seiner Improvisation geschuldet ist, die eindeutig den stärksten Eindruck an diesem Abend hinterließ.
Die anfängliche Fantasie des Barockkomponisten Johann Adam Reincken über den Choral "An Wasserflüssen Babylon" war ein so langes wie ereignisloses Werk, das in unendlicher Figuration um die Choralmelodie mäandert, dabei einen fragmentarischen Charakter hat, den Kummer durch zu häufige Klangwechsel und Lücken befördert. Auch die nachfolgende Johann-Sebastian-Bachsche Bearbeitung desselben Chorals verstörte mit ihrer breiigen und formlosen Erscheinung, wobei hier die Melodielinie in der Klangfarbe überdeutlich von der Begleitung abgesetzt war. Zum Ende seines Programms setzte Kummer auf die Größe der spätromantischen Orgelsinfonik, die er bereits in seiner Improvisation antizipiert hatte. Ruhig, beinahe elegisch, mit weicher Grundtönung spielt er das Larghetto aus Louis Vièrnes fünfter Orgelsymphonie a-Moll. Die abschließende Fantasie Max Regers über den Choral "Alle Menschen müssen sterben" wird zur Leistungsschau der Cannstatter Orgel. Das dichte Legatospiel lässt er in vielfarbigen Klängen aufgehen, die Idee einer zusammenhängenden Gestaltung verfolgt er weniger. Eher interessieren ihn die emotionalen Wechsel, die Kontraste dieser Musik, die genau dem Wortlaut des Chorals folgt und auf die finale Apotheose zusteuert. Die Gewissheit des freudig erwarteten Todes kleidet Kummer in weiche, feierliche Farben, die nicht auf äußeren Pomp zielen, sondern auf innere Bewegung.
Markus Dippold
Stuttgarter Zeitung, 05.08.2008
Die Königin zum Singen bringen
Orgelsommer: Hayko Siemens
Hayko Siemens ist nicht nur ein Orgelspezialist. Dass er auch den renommierten Münchener Motettenchor leitet, prägt sein Spiel, das er – nach dem Hausherrn Jörg-Hannes Hahn – am Sonntag als erster Gast des Orgelsommers in der Stadtkirche Bad Cannstatt in einer ebenso klugen wie originellen Programmfolge zelebrierte. Wie die Besten der Organistengilde gebietet er nicht allein absolutistisch machtvoll über die Königin der Instrumente, sondern vereinigt eine Vielfalt von Stimmen zur Klangrede. Die Orientierung am Gesang tat dem Abend gut.
Dietrich Buxtehude ist Stammvater und Großmeister der norddeutschen Orgeltradition, die bis Reger reicht, sogar bis zu Distler. Auf Buxtehudes Toccata in D, die nach der Bestimmung der Gattung die Möglichkeiten des Instruments durchdekliniert, folgte deshalb nicht umsonst eine 1938 entstandene Sonatine von Hugo Distler; auch der wirkte in Lübeck. Hayko Siemens registrierte das Stück des bis zum Freitod christlichen Nazimitmusizierers zart und zweifelnd, fein und durchsichtig, trotz der volkstümlichen Anbiedereien Distlers an jenen Zeitgeist.
Der junge, begierig lernende Bach pilgerte vierhundert Kilometer zu Buxtehude, schlug über die Arnstädter Urlaubsstränge und nahm gar Arrest in Kauf. Die Kantorstochter allerdings, als Preis für die Nachfolge an Lübecks Marienkirche, wollte er wohl nicht zum Weibe. Das Thema seiner Fuge in g-Moll erinnert an die "Kunst der Fuge". Ohne Brimborium interpretierte sie Siemens als frühes Meisterwerk in dieser Ahnenpflicht: klar, sauber, edel, wesentlich. Er nutzte mit Raumgefühl die Register, das
Dass Robert Schumann die Orgel als Pianist traktierte, merkte man doch jeder seiner hübschen Vier Skizzen opus 58 an, was der frühbegabte, international mit Preisen dekorierte Organist sogar betonte. Olivier Messiaen ist Symbol und Gipfel für den Führungswechsel der Orgeltradition von Deutschland nach Frankreich im 20. Jahrhundert. Mit der "Prière après la communion" aus dem Sakramentsbuch von 1948 hatte Siemens ein ebenso typisches wie zugängliches Stück ausgesucht. Die Vogelstimmenpassion, die grandiose Architektur, Satztechnik und Klangmagie auf Messiaens katholischem Fundament hätten sich kaum sinnfälliger darstellen lassen. Und in Max Regers Choralfantasie "Wachet auf!" zeigte der Münchener Organist, dass ihm Klarheit, luftige Transparenz und singende, nachschwingende Musik weit wichtiger sind als alle althergebracht wuchtige Orgelpracht mit dem vollen Werk.
Von Martin Bernklau
Stuttgarter Nachrichten, 05.08.2008
Noch ein Sommer
Hayko Siemens in der Stadtkirche Bad Cannstatt
Die Ausarbeitung der dritten Choralstrophe von "Wachet auf, ruft uns die Stimme" beginnt bei Max Reger mit einer Fuge, die vollendet gebaut, prägnant formuliert und dennoch von musikantischem Schwung getragen ist. Dazu tritt schließlich der Cantus firmus ("Gloria sei dir gesungen"), und das groß dimensionierte Werk strömt in breiten, vollen Akkorden dahin.
Hayko Siemens aus München spielte diese Choralfantasie (op. 52, 2) zum Auftakt einer Konzertreihe von MUSIK AM 13. in Bad Cannstatt, die denselben Namen trägt wie ein derzeit laufender Zyklus in der Stiftskirche: Stuttgarter Orgelsommer. Siemens spielte in der Stadtkirche mit weit gespanntem Atem. Klänge wie aus höheren Sphären standen am Beginn einer ungemein fesselnden Wiedergabe, deren kluge dynamische Anlage in ein fulminantes, bewegendes Finale mündete. Im übrigen erwies der Organist in diesem Konzert zwei Hundertjährigen die Reverenz, nämlich Hugo Distler (1908-1942) und Olivier Messiaen (1908-1992). Distlers Sonatine op. 18, 1 präsentierte Siemens als gefälliges, munteres, heiter-verspieltes Opus, während bei Messiaen ("Prière après la communion") meditative, mystisch verklärte Klänge dominierten, in denen die visionäre Kraft des Komponisten deutlich wird. Zumindest in der ersten Hälfte eilte der Interpret unmittelbar von Stück zu Stück, was beim Zuhörer die Chance zur Reflexion stark beeinträchtigte.
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Stuttgarter Zeitung, 29.07.2008
Aus verzweifelter Selbstanklage wird jubelndes Gotteslob
Beeindruckende Eröffnung des Orgelsommers in Bad Cannstatt – Weitere Werke von Bach, Reger, aber auch Stücke Neuer Musik folgen
Die Situation ist durchaus paradox. Erst kürzlich startete der Orgelsommer in der Stuttgarter Stiftskirche, und nun spielte in Bad Cannstatt der dortige Kantor Jörg-Hannes Hahn die Eröffnung seines sommerlichen Konzertreigens. Eine gewisse Konkurrenzsituation ist hier nicht abzustreiten, auch wenn Orgelkonzertreihen in zahlreichen Städten längst zum Sommerferienprogramm gehören. Zum vierten Mal veranstaltet Hahn diese Konzertreihe in der spätgotischen Stadtkirche in Bad Cannstatt, der er wie immer einen programmatischen Rahmen gegeben hat.
Johann Sebastian Bach und Max Reger als die wahrscheinlich bedeutendsten Orgelkomponisten sollen die Fixpunkte der sechs Konzerte am Sonntagabend sein. Und diesen Rahmen steckte der Hausherr beim Eröffnungskonzert auch selbst ab, stellte Bachs Präludium und Fuge e-Moll BWV 548 wie ein übermächtiges Portal an den Beginn dieses Orgelsommers.
Schon das Präludium mit seiner komplexen Struktur, mit seinen fugierten Abschnitten überwältigt in seinen klanglichen Dimensionen, die von Hahn klug und sinnstiftend zu einem wirkungsmächtigen Ganzen zusammengebunden werden. In der anschließenden Fuge mit ihrem figurierten, spielerischen Thema setzt er vornehmlich auf klangliche Brillanz, wählt ein sportliches Tempo und steigert die verschnörkelte Ausgestaltung mit ihren vielen Verzierungselementen zu überbordender Gekünsteltheit. Und die bildete einen großen Kontrast zum Schlusspunkt des einstündigen Abends. Denn Max Regers große Choralfantasie "Straf mich nicht in deinem Zorn" op. 40,2 ist ein aus dumpfer Verzweiflung aufsteigendes Werk, ein Reflex der Verzweiflung in sinfonischer Dichte, die Jörg-Hannes Hahn beeindruckend gestaltet.
Mit maximalem Legato entwickelt er die weit ausgreifenden Themen, reiht in kompakter Dichte und Fülle die harmonischen Abschweifungen aneinander und führt das Riesenwerk, das dramaturgisch dem Choraltext folgt, aus verzweifelter Selbstanklage zu jubelndem Gotteslob. Beinahe zäh lässt Hahn den Anfang mäandern, tastet sich durch die komplexe Fantasie, die immer neue abenteuerliche Wendungen nimmt, immer mehr Register fügt er dem Klang bei, der allmählich aufstrebt, an Höhe, Kraft und Brillanz gewinnt und die teleologische Zuversicht, die im Text intendiert ist, erfahrbar macht. Den Orgelkollegen, die in den nächsten Wochen die Reihe der Reger´schen Choralfantasien vervollständigen werden, hat Hahn eine gewaltige Hürde vorgegeben, denn an dieser überwältigenden Interpretation werden sich die Musiker messen lassen müssen.
Daneben verblassten die beiden weiteren Werke dieses Abends eher. Nicolaus Bruhns Präludium in e ist ein typisches Beispiel des norddeutschen Toccatenstils mit vielen kleinen, auf Kontrast zielenden Motiven, die von Hahn in hübschen Echoeffekten und vielfältigen Registerfarben gestaltet wurden. Eher ungreifbar blieb Luciano Berios "Fa-Si", in dem der dissonante Zentralklang in teils lang gehaltener Penetranz dominierte. Umspielt wurde dieser Tritonus von kleinteiliger Motivik in zerfetzt wirkender Anlage. Flirrende, flatterhafte Motive züngelten und klirrten hier und dort, unwirkliche Eindrücke wurden durch distanzierte Klänge und Schwellereffekte erzielt, was auch zum exotischen Eindruck des Werks beitrug, das zugleich die dritte Linie für die kommenden Wochen vorgab. Denn neben einem Werk Bachs und einer Choralfantasie Regers sollen Hahns Kollegen ein Werk der Neuen Musik oder eine Improvisation spielen und den Weg der Orgelmusik in die Gegenwart nachzeichnen und fortschreiben.
Markus Dippold
Esslinger Zeitung, 16.06.2008
Die mit Tränen säen
MUSIK AM 13. mit Motetten von Heinrich Schütz
Stuttgart – Die große Motettensammlung "Geistliche Chormusik" von Heinrich Schütz, dem bedeutendsten deutschen Komponisten des Frühbarock, erschien im Jahr 1648, dem Jahr des Westfälischen Friedens, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In den 29 Werken für fünf- bis siebenstimmigen A-cappella-Chor vollzog Schütz die Synthese zwischen polyphonem Satz alter Schule und dem freieren, affektbetonten Stil der italienischen Monodie.
In den Motetten zeigen sich einerseits Schütz‘ ungebrochenes Verhältnis zu den religiösen Textgrundlagen des Alten und Neuen Testaments, wobei Worte und musikalische Gedanken eine enge Verbindung eingehen, andererseits eine für diese Zeit ungewöhnliche emotionale Tiefe.
Acht dieser Motetten erklangen jetzt im Rahmen der ambitionierten Konzertreihe MUSIK AM 13. in der Bad-Cannstatter Stadtkirche. Kirchenkreiskantor Jörg-Hannes Hahn hatte seinen Kammerchor Cantus Stuttgart, der an diesem Abend mit 13 Frauen- und neun Männerstimmen besetzt war, gut vorbereitet. Frei erblühte die ganze Ruhe und Leuchtkraft, die dieser Musik innewohnt. Die unterschiedlichen Affekte der Motetten wurden in den langsamen Stücken durch fein abgestimmte dynamische Arbeit und weiche Stimmführung, in den schnelleren durch schwungvolle und deutliche Phrasierung herausgearbeitet, ob es sich dabei um naiv-kindliche Tonfälle wie in "Herzlich lieb hab ich dich, o Herr" handelte , um das hymnisch-melancholische "Selig sind die Toten" oder das fröhlich-selbstgewisse "Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". Flexibel reagierten die gut intonierenden Choristen und Choristinnen auf die klangformende Gestik ihres musikalischen Leiters. So konnten sich die Farbwerte der raffinierten Harmonik Schütz‘ samt ihrer Reibungen prächtig entfalten – wie etwa in der Motette "Die mit Tränen säen".
Zwischendurch setzte Jörg-Hannes Hahn immer wieder instrumentale Kontraste. Am zuweilen fröhlich glucksenden Orgelpositiv spielte er Choralbearbeitungen aus dem dritten Teil der "Clavierübung" von Johann Sebastian Bach, an der großen Orgel ausladende, spektakulärere Werke aus den Tabulatur-Büchern von Samuel Scheidt und Johann Ulrich Steigleder.
Verena Großkreutz
Stuttgarter Nachrichten, 17.07.2008
Kühne Verwandlung
Originales oder Anverwandeltes – für den Oboisten Manuel Munzlinger gibt es keine strikten Grenzen: In der MUSIK AM 13. in der Cannstatter Lutherkirche kombinierte er Benjamin Brittens "Metamorphosen" op. 49 für Oboe solo mit eigenen Arrangements von Songs der Beatles, Michael Jacksons oder Herbert Grönemeyers. Er geht dabei mit Ithay Khen am Violoncello und Andreas Wolter am Klavier den umgekehrten Weg und versetzt das Neue ins Klangbild einer älteren Epoche. Jackson verpasst er die perlenden Klavierläufe Debussys. Herbert Grönmeyer wird mit Hilfe Robert Schumanns verwandelt, die Beatles lehnen sich an Eric Satie, Béla Bartók oder Scott Joplin an. Dies ist reizvoll, wirkte aber in der halligen Kirchenakustik und aufgrund der Textur des Ensemblesatzes mitunter aufgeplustert. Besser gelang die Kommunikation von Klang und Raum Brittens "Metamorphosen", in deren sechs Stücken nach Ovid Pan, Phaeton, Nibole, Bacchus, Narcissus und Arethusa auf musikalisch vielfältige Weise charakterisiert werden. Manuel Munzlingers feinsinniges Formen des Tons und sein geschmeidiges Zeichnen der melodiösen Phrasen ging da nicht selten eine stimmige Allianz mit dem nachklingenden Kirchenraum ein.
Thomas Bopp
Stuttgarter Nachrichten, 15.05.2008
Experimentierlust
Werner Jacob (1938 bis 2006) hat 22 Jahre lang an der Stuttgarter Musikhochschule Orgel und Komposition gelehrt. In Konzerten, häufig mit zeitgenössischen Werken, reüssierte er im In- und Ausland. Jacobs Kompositionen waren stets von grenzenloser Experimentierlust geprägt. Jörg-Hannes Hahn, Schüler von Werner Jacob und Begründer der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt, ist es nun gelungen, weitere "Ehemalige" für eine Orgelnacht mit Werken des Meisters zu gewinnen.
Dem Zuhörer eröffnete sich ein vielschichtiges, mitunter schwer zugängliches Werk. Da beginnt ein Stück – etwa Fantasia, Adagio und Epilog, ein auskomponiertes Opus mit dem Titel "Improvisation sur E.B." (Ernst Bloch gewidmet) – zögernd, mit einzelnen Tönen, Tongruppen, Akkorden, die sich dynamisch zunehmend zu massiven Akkordblöcken verdichten. Clusterähnlich wandernde Akkorde mit kontrapunktierenden Motiven wechseln mit bizarrren polyfonen Abschnitten. Farbig, streng im Aufbau, atmosphärisch dicht: "Suscipe verbum" für Horn und Orgel. Den Interpreten Jörg Fuhr, Joachim Bänsch (Horn), Matthias Wamser, Gerald Fink, Thilo Frank, Detlef Dörner, Martin Strohhäcker, Sebastian Förschl und Jörg-Hannes Hahn gelangen an diesem Abend eindringliche Darstellungen der Werke ihres Lehrers.
Dietrich Röder
Stuttgarter Zeitung, 15.05.2008
Die Lust am Experiment
Habhaftes bei der Orgelnacht von MUSIK AM 13. in Cannstatt
üblicherweise kommt man in der Kirche eher an ein Stück trocken Brot und ein Schlückchen Traubensaft als an belegte Brötchen und viertelesweise Wein. Aber bei einem Klassentreffen kann man das schon mal lockerer sehen, zumal wenn der Lehrer auch kein Kostverächter war. Der literatur- und philosophiebegeisterte Organist, Komponist und Stuttgarter Hochschulprofessor Werner Jacob hat bis zu seinem Tod im Mai 2006 gern gelebt. Passend also, dass bei der langen Orgelnacht in der Cannstatter Stadtkirche seine ehemaligen Schüler und Freunde unter Federführung von Jörg-Hannes Hahn nicht nur mit der (wegen Krankheit Fast-)Gesamtaufführung seiner Orgelmusik und einem ästhetisch-philosophischen Vortrag, sondern auch mit der oben erwähnten Pausenbewirtung an ihn erinnerten.
Leicht lässt sich der Kompositionsstil des 1938 geborenen Jacob nicht einordnen, er experimentierte zu gern mit verschiedenen Formen und Techniken. In seinem nicht eben umfangreichen Orgelwerk existieren Zwölftönigkeit und Cluster, Cantus firmus und Toccata neben- und miteinander.
Schön zu beobachten, wie der junge Kompositionsschüler anno 1963 in "Fantasia, Adagio, Epilog" die kanonische Stimmführung noch unbeholfen handhabt und über 20 Jahre später dann als erfahrener Organist souverän die Fugentechnik in den aus einer Improvisation entstandenen "Drei Metamorphosen über Themen aus Max Regers op. 135b" einsetzt. Andere Stücke sind sorgfältig konstruiert, wie die vom Komponisten so genannte "Improvisation sur E. B." über die Initialen des Philosophen Ernst Bloch. In ihr spielt Werner Jacob zudem mit dem Winddruck, also dem Orgelmotor.
Jacobs Schülergarde erwies sich dabei nicht als durchweg gleichrangig, machte an diesem Repertoireabend aber gemeinsam mit dem Hornisten Joachim Bänsch und dem Schlagzeuger Sebastian Förschl ihrem Lehrer alle Ehre. Zum Wohl!
Ines Stricker
Stuttgarter Nachrichten, 13.5.2008
Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn führt Orgelwerke seines früheren Lehrers Werner Jacob auf
"Er saß gern zwischen allen Stühlen"
In der Reihe MUSIK AM 13. führt an diesem Dienstag Bad Cannstatts Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn mit sechs ehemaligen Kommilitonen die Orgelwerke von Werner Jacob auf.
Herr Hahn, was verbindet die ehemaligen Stuttgarter Schüler Werner Jacobs?
Sehr pragmatisch: Die meisten von uns sind halt Kantoren geworden. Für mich ist dieses Konzert auch ein Klassentreffen. Wäre Jacob nicht vor zwei Jahren gestorben, hätte ich ihm 2008, zum 70. Geburtstags, gewiss ein Porträtkonzert gewidmet.
Was hat Jacob als Lehrer an der Musikhochschule ausgezeichnet?
Er war sehr offen und undogmatisch. Er hatte die Fähigkeit, das zutage zu fördern, was in Einzelnen steckt, und ihnen dabei einiges Selbstbewusstsein mitzugeben. An gewisse Regeln musste man sich bei ihm zwar halten, aber ansonsten war man sehr frei. Er wollte aus seinen Schülern musikalisch und menschlich Persönlichkeiten machen.
Und wie hat er komponiert?
Auch hier war er sehr undogmatisch. In den 60er und 70er Jahren war er ein großer Vorkämpfer für die Orgelmusik, arbeitete viel mit modernen Klängen und Techniken. Er hat von sich selbst immer behauptet, er setze sich gern zwischen alle Stühle.
Spielen sämtliche Orgelwerke von Jacob?
Fast alle. Wir wollen schon die Bandbreite von den 60er Jahren, in denen Jacob noch ganz karg komponierte, bis zum Spätwerk abdecken. Das dauert etwa drei Stunden – und zwischendurch gibt es für alle Stärkung vom Büfett.
Fragen von Susanne Benda
Stuttgarter Nachrichten, 25.03.2008
Dunkles Leuchten
Trotz aller polyfonen Kunstfertigkeit das geniale Element in Bachs Matthäuspassion liegt in der subtilen Ausleuchtung sanft changierender Stimmungen. Sie standen im Fokus der Interpretation der Aurelius-Sängerknaben Calw, des Bachorchesters und des Bachchors Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Hannes Jahn in der bis auf den letzten Platz besetzten Lutherkirche in Bad Cannstatt. Auch die Solisten fügten sich nahtlos in das schlüssige Konzept, so dass die über dreistündige Aufführungsdauer kein Empfinden von Längen zuließ. Uwe Schenker-Primus als Jesus, Michael Nowak als Evangelist, Heide Meier, Sopran, Silvia Hablowetz, Alt, und Ulf Bästlein, Bass, setzten vereinzelt vokale Glanzlichter expressiver Musik-Text-Auslegung mit ausgeprägter Akzentuierung der Tonverzierungen, verließen aber nie den gesteckten Rahmen des episch-erzählerischen Interpretationsansatzes. Nicht die Vision der allzu menschlichen Leiden Jesu wurde in Klangrede gegossen, sondern die menschliche Wärme des Vergebens und Verzeihens, getragen durch den außerordentlich konzentriert wirkenden Chor, der mit prächtigem, dunkel leuchtendem Timbre agierte.
Ulrich Köpppen
Ludwigsburger Kreiszeitung 25.03.2008
Vokale Leuchtkraft, österliche Hoffnung
Bachs "Matthäus-Passion" am Karfreitag
Johann Sebastian Bachs am Karfreitag 1727 in Leipzig uraufgeführte "Matthäus-Passion" am sakralen Ort und zur religiös motivierten Zeit miterleben zu können, ist heutzutage eher die Ausnahme. In der Bad Cann-statter Lutherkirche war es möglich.
Die Ansprüche an Qualität und Sängeraufgebot sind, gerade im Stuttgarter Raum, für Aufführungen beträchtlich, und am Karfreitagnachmittag genügend Besucher ins Konzert zu bekommen nicht einfach. Für Jörg-Hannes Hahn und seine Cannstatter Reihe MUSIK AM 13. offenbar kein Problem: Mit dem Bachchor und Bachorchester Stuttgart gelang dem Kirchenkreiskantor und Hochschulprofessor eine sehr gut besuchte, anspruchsvolle Aufführung. überraschend war die romantisierende Tendenz von Hahns Interpretation. Ganz entgegen der gängigen Praxis eines barocken Klangideals bevorzugte Hahn für die Choräle mit seinem 100-köpfigen Bachchor wechselnde Tempi und gestaltete die Arienbegleitung expressiv.
In dem Tenor Michael Nowak hatte er einen passenden, das Emotionale seiner Erzählung stark betonenden Evangelisten zur Stelle. Uwe Schenker-Primus sang die Christuspartie majestätisch, Ulf Bästlein seine Bassarien mit forcierter Dramatik. Heidi Elisabeth Meiers Sopran erfüllte ihre Arien mit stetiger vokaler Leuchtkraft, während Silvia Hablowetz für die zentrale Altpartie als Idealbesetzung gelten kann. Ihr "Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen" umfasste unendliche Trauer und österliche Hoffnung.
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Cannstatter Zeitung 26.03.2008
Dramatische Passionsgeschichte vor der Osterbotschaft
Bad Cannstatt: Packende Aufführung der Matthäuspassion in der Martin-Luther-Kirche beim Sonderkonzert von MUSIK AM 13.
Traditionell wird Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion am Karfreitag aufgeführt, so auch in diesem Jahr in der Martin-Luther Kirche in Bad Cannstatt. Jörg-Hannes Hahn leitete seine Interpretation von dem moosgrünen Cembalo aus, an das er sich immer wieder setzte, um die Solisten zu begleiten.
Dieses symbolhafte Auf- und Abtauchen des Leiters des Bachchors und des Bachorchesters Stuttgart wies optisch auf das Spiel hin zwischen dem Einfühlen in das "Psychodrama" und dem Heraustragen der musikalischen Botschaft der "Passion" in die Welt. Nicht von ungefähr halte der Stuttgarter Kirchenkreiskantor Hahn den Hamburger Musikwissenschaftler und Psychologen Günter Jena nach Bad Cannstatt eingeladen, drei Tage vor der Aufführung seine Sicht auf das Werk des Leipziger Thomaskantors vorzustellen. Bei dieser Einführung hielt Jena leise lächelnd den zahlreichen Zuhörern – darunter der halbe Chor- die Matthäuspassion als "Spiegel" vor, in dem sie ihre eigenen Konflikte und Verhaltensmuster erkennen könnten, weil "wir alle" gehalten seien, umzukehren und unser Schicksal anzunehmen, als Jesus, Judas, Petrus, Pilatus, und so weiter. Dieses "Rollenspiel" erläuterte Jena anhand der Verwendung der fünf maßgeblichen Tonarten in Bachs Passion und illustrierte es mit Filmbeispielen: John Neumeier und Günter Jena hatten das Werk im Jahr 2003 als Ballett in Hamburg choreographiert.
Jörg-Hannes Hahns Aufführung durchwehte der gleiche Geist. Insbesondere den Solisten gelang es, mit geschmeidiger Stimmführung und eindringlichem Gestus eine dramatische Spannung zu erzeugen, die alle Sinne hineinzog in das gleichermaßen verstörende-wie verklärende Klangerlebnis. Heidi Meiers makellose Sopranstimme war reiner Schmerz in der Klage: "Blute nur, du reines Herz" und gewann fast überirdische Klarheit im Gebet "Aus Liebe will mein Heiland sterben".
Der Kunstfertigkeit von Silvia Hablowetz wuchs zusehends Gefühlsdichte zu und brachte ihre Stimme zum Strahlen. Michael Nowaks Fähigkeit, Gefühle hör- (und sicht)bar zu machen, gipfelte in der Geduld-Arie beim Pendeln zwischen dem "Stechen" der falschen Zungen und der "Besänftigung" der Herzensunschuld.
Menschliches Scheitern und das Leiden am eigenen Fehler demonstrierte Ulf Bästlein eindringlich als Judas, Petrus und Herodes neben dem Ehrfurcht gebietenden Jesus des Uwe Schenker-Primus, dessen warme und sichere Stimme von dem kündete, was es zu erfüllen galt.
An diesem Karfreitag erfüllten sowohl das Orchester als auch die Chöre nicht nur, was ihnen aufgegeben war, sondern sie erleuchteten die Sinne (und ein wenig wohl auch den Glauben) der Menschen, die ihnen lauschten. Aus Calw waren die Aurelius Sängerknaben gekommen deren helle Stimmen von der Empore herunter schwebten wie eine Frühlingswolke. Das Bachorchester war, der Partitur entsprechend, zweigeteilt und erweckte so den Eindruck, als wanderten die Klänge durch den Raum.
Und dann war da noch der Bachchor. Er gehört zu den besten im Land, das hat er eindrucksvoll bestätigt, aber er hat auch die Herausforderung problemlos angenommen, Bach neu zu deuten – und es ist sehr gut gelungen.
So beeindruckte die Aufführung der Matthäuspassion in aller ihrer dramatischen Dimension kurz vor der hoffnungsvollen Osterbotschaft, die in vielen anderen Konzerten verkündet wurde.
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Stuttgarter Zeitung 15.02.2008
Komponistenportrait: Wolfgang Rihm in Cannstatt
Wolfgang Rihms Platz in der ersten Reihe zeitgenössischer Komponisten streitet ihm längst keiner mehr ab. Dem 55-jährigen Karlsruher galt am Mittwoch innerhalb der Reihe MUSIK AM 13. das fünfte Komponistenportrait in der Cannstatter Stadtkirche. Der künstlerische Leiter Jörg-Hannes Hahn hatte eine Menge an erstklassigen Musikern aufgeboten, um den Meister gebührend zu empfangen. Die eingeschobenen Gesprächsrunden mit ihm und Rihm moderierte Ewald Liska.
Es entstand in knapper Zeit ein konzentriertes, ausdrucksstarkes und abgerundetes Bild von Rihms Künstlerpersönlichkeit. Rihm hat seinen Ansrpuch auf unmittelbaren musikalischen Ausdruck auch theoretisch immer wieder angemeldet. Einerseits haben so gegensätzliche Lehrer wie Eugen Werner Velte, Wolfgang Fortner, Karlheinz Stockhausen und Nikolaus Huber alle ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen, andererseits hat Rihm einen eigenen Personalstil entwickelt und seine Künstlerbiografie ein schlüssige Entwicklung genommen. Quer durch die Genres und Besetzungen wird er schöpferisch tätig, wie die kluge Stückauswahl des Abends zeigte. Seine durchaus gravitätische Erscheinung konterkariert Rihm in einem selbstironischen, badisch-humorvollen Ton. So wollte er sein "Crucifixus" nicht als Frühwerk bezeichnet wissen, sondern als "geistliche Musik des 15-jährigen Knaben". Er hörte es zum ersten Mal von dem exquisit vorbereiteten Kammerchor Cantus Stuttgart. Wie Bernhard Haas und der Schlagzeuger Klaus Dreher "Siebengestalt" für Orgel und Tam-Tam darboten, ließ Rihm noch vor dem Publikum in begeisterten Beifall ausbrechen. Auch das Percussion Ensembel Stuttgart entzückte ihn sichtlich.
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Stuttgarter Nachrichten 15.02.2008
Komponistenporträt der Reihe MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt
Des Rattenfängers betörende Weisen
Über seine eigene Musik zu sprechen, sagte Wolfgang Rihm einmal in einem Interview, habe er immer "wortreich vermieden". Wer dem 55-jährigen Komponisten jetzt beim Gesprächskonzert von MUSIK AM 13. in der Stadtkirche Bad Cannstatt begegnete, fand die Aussage bestätigt.
Zwar betonte Rihm, den der künstlerische Leiter des Stuttgarter Eclat-Festivals, Hans-Peter Jahn, gern hintersinnig als "Chamäleon", als "unser Telemann" bezeichnet, im Gespräch mit Ewald Liska und Cannstatts Bezirkskantor Jörg-Hannes Hahn, dass er sich weniger der romantischen als der klassischen – genauer: "der verrückt Mozart"schen" – Tradition verpflichtet fühle. Außerdem erzählte er, dass seine Lust am Komponieren für die menschliche Stimme auf eigene Chor-Erfahrungen zurückgehe und dass selbst jene große Spontaneität beim Komponieren, die man ihm gemeinhin unterstellt, zwingend Strukturiertes zur Folge haben müsse: "Beim Komponieren kann man der Struktur nicht entkommen."
Doch die Musik, die zwischen den Gesprächsblöcken erklang und die sich an der künstlerischen Biografie des Karlsruher Kompositionsprofessors über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren entlanghangelte, sagte tatsächlich sehr viel mehr. Sie kündete von der Sehnsucht ihres Schöpfers nach Schönem, Bleibendem, nach einem intellektuellen Konstrukt, das sich in tönende Emotion bettet, nach magischen, vielleicht auch mystischen, in jedem Fall sehr unmittelbar wirkenden Bildern und Gefühlen hinter den Themen, Texten und Thesen, die Rihms wachem Geist mit so bewundernswerter Selbstverständlichkeit zuzufallen scheinen.
Dabei manifestierte sich auf dem Weg von der "Crucifixus"-Motette des noch nicht 16-Jährigen bis hin zu den abschließenden zwei Stücken aus den "Sieben Passionstexten", die zwischen 2001 und 2006 ebenfalls für Chor a cappella entstanden, nicht etwa ein ästhetisches Fortschreiten.
Nein: Entscheidend ist bei diesem Komponisten immer eine Idee, die eine jeweils eigene Struktur hervorbringt. So wagt etwa "Siebengestalt" für Orgel und Tamtam von 1974 einen weiten, wirkungsvollen Spagat zwischen polyfoner Strenge und packender Klangsinnlichkeit. Wenn Letztere sich verselbständigt, wenn sie sich selbst zu genießen scheint (was bei Rihm nicht gerade selten vorkommt), wirkt der Mann, dessen rundes Lächeln schon den Genießer verrät, manchmal wie ein Rattenfänger, der seinen eigenen betörenden Weisen hinterherläuft.
Bernhard Haas am (so Rihm) "großen Klangtier" Orgel, der Schlagzeuger Klaus Dreher, das Percussion Ensemble Stuttgart und der Kammerchor Cantus Stuttgart unter Jörg-Hannes Hahn mühten sich mit Erfolg um Präzision und Wirkung, und auch wenn mancher Stimm-Cluster, den man hier hörte, eigentlich als Einklang notiert war, auch wenn das "Tristis est anima mea" dem Chor irgendwie ins Diffuse entglitt, so blieb doch der Gesamteindruck stark.
Der Komponist applaudierte den Interpreten, das berührte, belehrte und außerdem gut unterhaltene Publikum applaudierte dem Komponisten, und nachdem das alles vorbei war, eilte dieser zum Zug, der Heimat zu. "Es reicht", hatte er schließlich schon eingangs festgestellt, "wenn meine Kunst in der Welt herumläuft." Außerdem: "Ein Finanzbeamter wird nie an der Arbeit gehindert – ein Komponist immer."
Susanne Benda
Esslinger Zeitung, 15.02.2008
Pathos und Passion
Persönlich gestaltetes Komponistenporträt: Wolfgang Rihm in der Stadtkirche Bad Cannstatt bei MUSIK AM 13.
Stuttgart – Im Jahr 1968, als 16jähriger Gymnasiast, der noch während seiner Schulzeit gerade das Kompositionsstudium an der Karlsruher Musikhochschule begonnen hat, schreibt Wolfgang Rihm sein "Crucifixus" für gemischten Chor a cappella: ein kurzes Stück, dessen polyphon auffächernder Klang sich in der spätgotischen Cannstatter Stadtkirche eindrucksvoll entfaltete. Es stand am Anfang des Komponistenporträts, mit dem Jörg-Hannes Hahn den Komponisten in seiner Reihe MUSIK AM 13. mit einigen Werken aus den letzten 40 Jahren vorstellte.
Was ihm ein solches Stück sakraler Musik aus seinen Anfängen als Musiker heute bedeute, fragte Ewald Liska als Gesprächspartner. Er freue sich, es nun zum ersten Mal zu hören, bekannte Wolfgang Rihm, der damals noch nicht – wie dann seit der Auszeichnung mit dem Kranichsteiner Musikpreis zehn Jahre später – mit Kompositionsaufträgen überhäuft war und sich die Ensembles für seine Uraufführungen aussuchen konnte. Viele seiner Werke, erklärte Rihm, seien aus einem bestimmten Anlass heraus entstanden. Doch es gebe "nichts Unstrukturiertes", er versuche seine Musik so zu gestalten, "als sei sie sozusagen im ersten Griff erfasst."
"Mit geschlossenem Mund" für acht Stimmen hat Rihm für ein Konzert zur Situation politisch Verfolgter 1982 in Köln komponiert. "Eine Art Choral, dem der Text weggenommen ist", erläuterte Rihm seine Vorstellung vom mundtot gemachten Künstler, der dennoch allein durch sein Dasein eine Botschaft zu verkünden hat. Auch dieses Stück stellte Jörg-Hannes Hahn mit seinem Kammerchor Cantus Stuttgart prägnant und auch in seinen mikrotonalen Anforderungen überzeugend dar. Bei der Komposition "raumauge" für Chor und 5 Schlagzeugspieler (1994) war das Percussion-Ensemble Stuttgart der wesentliche Impulsgeber. Hier hat Rihm den Schlussmonolog des Prometheus aus der antiken Tragödie des Aischylos in der Übersetzung von Peter Handke als Musiktheater vertont, mit einem irisierenden Klanghintergrund der Frauenstimmen und zwei antipodischen Männergruppen, die den Text verfremdet skandieren.
Nach der von Messiaen und Stockhausen inspirierten "Siebengestalt" für Orgel und Tam-Tam (1974), die von Bernhard Haas und Klaus Dreher ungeheuer expressiv mit gleißenden Clustern und überfallartigen Gongschlägen interpretiert wurde, stand am Schluss des Konzerts noch einmal eine sakrale Komposition. Rihms "Sieben Passions-Texte" für sechs Stimmen sind von 2001 bis 2006 entstanden und lassen den Ausführenden viel Freiheit in Dynamik und Artikulation. "Singt es wie alte Musik – dann hört man, dass es keine ist", steht als Vorschlag im Notentext. Von Liska gefragt, weshalb in seinem Werk soviel Chorisches zu finden sei, erinnerte sich Rihm daran, dass er nach frühem Stimmbruch schon seit seinem 12. Lebensjahr im Karlsruher Oratorienchor "das klassische und romantische Repertoire rauf und runter gesungen" habe. Doch seine Mitwirkung am "Requiem der Versöhnung" (1995) oder seine Passionsvertonung "Deus passus" nach Texten aus dem Lukas-Evangelium und von Paul Celan zeige auch sein Interesse an geistlicher Musik.
Dietholf Zerweck
Kritik unseres Konzertes in der Stadtkirche am 13.01.2008
Stuttgarter Nachrichten vom 16.1.2008
Schütz und Distler bei MUSIK AM 13.
Motettenkunst mit weichen Konturen
Hugo Distler, einer der bedeutendsten Vertreter der protestantischen Kirchenmusik inder ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wäre dieses Jahr 100 geworden. Im Naziregime zählte man seine Werkr zur "entarteten Kunst". Distler beendete sein Leben 1942 durch den Freitod. Für drei Jahre von 1937 bis 1940, war er Kompositions- und Orgelehrer an der Stuttgarter Musikhochschule. In der Reihe MUSIK AM 13. in der Cannstatter Stadtkirche erinnerte jetzt der Leipziger Kammerchor Josquin des Prez an den Komponisten, indem man Motetten aus Distlers zwischen 1934 bis 1941 entstandene "Geistlicher Chormusik" solche aus Schützens gleichnamiger Sammlung von 1648 gegenüberstellte. Ludwig Böhme, seit 2002 künstlerischer Leiter des Ensembles, achtet mit seinen elf Vokalisten auf ein homogenes Klangbild, wobei er die deklamatorischen Konturen eher weich abrundet. Dies schränkte die Spannungsfülle der Textdeutung und die plastische Transparenz des Satzes etwas ein, behinderte aber nicht die kontrastierende Zeichnung der musikalischen Architektur. Eher bedauerte man dass der Sopran bisweilen nach oben ausbrach, den Stimmfluss nicht genügend frei entfaltete und ihm zuwenig Festigkeit verlieh.
Thomas Bopp
Beitrag aus "Musik und Kirche 1´2008" über das Konzert am 25.11.2007, 19.00 Uhr in der Lutherkirche
S. Corbett: Maria Magdalena – Uraufführung
W. A. Mozart. Große Messe c-moll KV 427
Karg und ohne Dramatik
Uraufführung von Sidney Corbetts "Maria Magdalena" in Stuttgart
Maria Magdalena galt der katholischen Kirche lange als Prostituierte, als jene reuige Sünderin des Lukas-Evangeliums, die Jesus die Füße mit ihren Tränen wäscht. Seit Urzeiten gibt es aber auch andere Deutungen ihrer Person: Sie sei eine der treuesten Jüngerinnen Jesu gewesen, seine enge Vertraute in theologischen Fragen, gar seine Geliebte.
Diese Ansicht wird einerseits durch die Bibel selbst belegt, anderseits durch eine umfangreiche, auf etwa 160 n. Chr. datierte Papyrusschrift, die 1945 in ägypten entdeckt wurde.
Das geheimnisvolle "Evangelium der Maria"
Dieses "Evangelium der Maria" gibt theologische Diskussionen zwischen Maria Magdalena und der Jüngerschaft sowie ein Gespräch zwischen Maria Magdalena und dem auferstandenen Christus wieder.Dass diese Texte von der katholischen Kirche nicht anerkannt werden, wundert nicht angesichts der Konsequenzen bis hin zur Frage nach der Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Der 1960 in Chicago geborene Komponist und Wahlberliner Sidney Corbett hat sich in seinem neuesten Werk Maria Magdalena mit der umstrittenen Persönlichkeit beschäftigt.
Das zweiteilige Oratorium für drei Frauenstimmen, Chor und Orchester erlebte jetzt in der Lutherkirche Stuttgart-Bad Cannstatt seine Uraufführung.
Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn widmeten sich der Bachchor und das Bachorchester Stuttgart, die Sopranistinnen Eva Lebherz und Christina Landshamer sowie die Altistin Franziska Kimme hoch konzentriert und engagiert dem gut 50-minütigen Opus.
Das Libretto in deutscher und lateinischer Sprache kompiliert Passagen aus dem Hohelied, den Psalmen, den Evangelien sowie dem "Maria-Evangelium".
Magdalenas Liebe zu Jesus
Es stellt die Liebe Maria Magdalenas zu Jesus in den Mittelpunkt, erzahlt die bedeutenden Ereignisse ihres Lebens: Die Ölung von Bethanien, ihr Ausharren am Kreuz, die Entdeckung des leeren Grabes, ihre Begegnung mit dem Auferstandenen.Der Chor übernimmt die Berichte aus den Evangelien, die Solistinnen kommentieren mit alttestamentlichen Worten.
Das Libretto wirkt jedoch wenig schlüssig.
So leuchtet es nicht ein, warum gerade die Begebenheit um Maria Magdalenas Ölung des Christushauptes eine so große Gewichtung erhält (sie wird in mehreren Evangeliumsversionen wiedergegeben) oder warum der Lukas-Bericht von der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße wäscht und salbt, so viel Raum einnimmt.
Das Libretto lässt Stringenz vermissen
Die fehlende Stringenz des Librettos überträgt sich auf die Musik. Sie will nicht überzeugen, sie arbeitet unentwegt rhetorischer Deutlichkeit entgegen, verweigert sich jeder Dramatik und Entwicklung. Beschleunigt wird selten, die Zeit vergeht in gemächlichem Tempo. Allzuoft wiederholen sich Quart- und Quintstrukturen, gleichförmiges Pochen, rauhes Flageolett in den Streichern, kühle und grelle Klangeffekte in den Sopranstimmen.Introvertierte Klanggeflechte
Die introvertierten Klanggeflechte aus punktuell eingesetzten Instrumenten und kurzen Phrasen fesseln das Ohr selten durch Expressivität. Die Spannung verflüchtigt sich. Hat das Leben Maria Magdalenas wirklich nicht mehr zu bieten als Monotonie?Nach dem kargen Werk entfaltete sich Mozarts große c-Moll-Messe kräftig und lebendig. Der Chor fand nicht nur im "Jesu Christe" zu prachtvoller Klangschönheit. Jörg-Hannes Hahn arbeitete viele feine Farbeffekte heraus, und auch die Solistinnen zeigten sich bestens aufgelegt: Anrührend sang Christina Landshamer ihr "Et incarnatus est", technisch brillant gelang Sonja Koppelhuber das "Laudamus te".
Verena Großkreutz

